Bodo Zinser
What the bleep do we (k)now ?
 

Eine Film-Rezension über den neuen
spirituellen Film-Hype von William Arntz
 

 

Dem Film "What the bleep do we (k)now" etwa "Was wissen wir eigentlich ?" bzw. "Was nun?" eilt sein Ruf voraus. Schon seit mindestens einem Jahr bin ich von diversen Stellen auf ihn aufmerksam gemacht worden: Er sei in den USA ein Renner und man müsse ihn unbedingt ansehen. Die Premieren wurden deutschlandweit unter Aufbietung esoterischer Prominenz aufgezogen. In München war neben dem Regisseur auch Bärbel Mohr vertreten, in Überlingen der japanische Professor Emoto (Wasserkristalle). Auch gibt es eine relativ gute, offizielle Homepage darüber www.bleep.de mit einigen Ausschnitten, Interviews, etc.

Bei der Premiere war ich selbst nicht zugegen, aber danach. Trotz der großartigen Ankündigungen läuft das Stück in München nur in einem kleineren Kino, und der Saal ist gerade zur Hälfte besetzt. Der Film wird nicht lange auf dem Programm bleiben.

Im Film geht es um die Frage, was ist die Wirklichkeit, und welche Konsequenzen ergeben sich für das alltägliche Leben aus einem alternativen Bild von der Welt. Dabei wird eine Rahmenhandlung unterlegt, bei der eine sprach- und hörbehinderte Fotografin durchs Leben stolpert. Sie fühlt sich ständig unter Druck, ist mit ihrem Leben nicht zufrieden und hat deutliche private Probleme. Verwundert fragt sie sich, was passieren würde, wenn sie sich aus einer höheren Warte, die ihr Leben als Ganzes einschließt, sehen würde.

Auf dem Weg zur Arbeit trifft sie einen Basketball spielenden Jungen, der sie zu Würfen in den Korb überredet und ihr dabei die Quantenphysik erklärt: Der Ball ist nicht real, die Quantenmechanik ist ein Feld von Möglichkeiten, es kann sich daraus alles mögliche realisieren, aber erst in dem Moment, wo wir es beobachten. Im Ubahnbereich stößt sie dann auf eine Ausstellung von Emotos Wasserkristallen und wandert betrachtend den Plakaten entlang. Gewöhnliche, chemisch und auch sonst reine Wasserkristalle so will Emoto herausgefunden und dokumentiert haben haben eine klare, geometrische Struktur, normales Wasser zeigt einen zerstörten Kristallaufbau, dagegen gesegnetes oder mir dem Wort "Danke" versehenes Wasser eine wunderschöne Struktur. Ein Mann spricht sie an: "Ist es nicht erstaunlich? Wenn schon unsere Gedanken einen solchen Einfluss auf Wasserkristalle haben, welchen Einfluss haben sie dann auf uns selbst?"

Von Anfang an wird diese äußere Handlung begleitet von wissenschaftlichen Erläuterungen. Quantenphysiker (z.B. Alan Wolf), Bewusstseinsforscher (z.B. Goswami), Neurologen, Psychologen, gechannelte Wesen (Ramtha, d.h. die Frau, die ihn channelt), der Maharishi-Professor Hagelin, ein Ex-Theologe und einige weitere geben Erklärungen aus ihrem Wissenschaftsgebiet. Auch die Rahmenhandlung wird an einigen Stellen von solchen wissenschaftlichen Erklärungen begleitet. Die Welt ist "nichts", weil wir auf der Suche nach der elementaren Materie in immer größere Leerräume vorstoßen. Das Gehirn kann nicht zwischen äußerer und innerer Wirklichkeit unterscheiden. Der Hypothalamus schüttet Enzyme aus, die unsere erlebte und damit für real gehaltene Wirklichkeit bestimmen. Wir sind das Opfer von eingelernten neuronalen Verbindungen und Mustern. Vielerlei Süchte steuern unser Verhalten auf physiologischer Ebene. Aber auch: Eigentlich besteht alles aus Bewusstsein.

Unsere Fotografin wird schließlich genötigt, eine polnische Hochzeit zu fotografieren. Dagegen sträubt sie sich, weil sie überwältigende, ungute Erinnerungen an ihr eigenes Leben hat. Doch sie muss hin, und der Film steigert sich hier zu einem furiosen Happening, zu überbordender Freude und Spaß, sie springt über ihre Schatten, angelt sich einen freundlichen jungen Mann und stürzt sich ins volle Menschenleben. Gerade diese Szenen werden durchdrängt von der parallelen Darstellung, was wohl gleichzeitig im Gehirn vor sich geht. Neuronen feuern wild durcheinander, Verbindungen durch Synapsen werden, aufgebaut, verstärkt, gelöst, der Hypothalamus pumpt seine Enzyme und die Zellen führen sich auf, als hätten sie ein spezialisiertes, bewusstes Eigenleben, als wären sie kleine Homunkuli im Gehirn. Das anzusehen macht Spaß wie es Spaß macht, einen rasanten Comic-Film anzuschauen.

Am nächsten Morgen ist der Kater groß, sie schaut in den Spiegel und hasst sich. Doch oh Wunder, sie kriegt die Kurve, bemalt ihren Körper und geht wieder die Stationen ihres Wegs zur Arbeit entlang, trifft den Jungen mit dem Basketball, versenkt den Ball ihn, betrachtet sich selbst und ihre Lebenssituationen von außen, heiter genießt sie das Leben. Irgendwo und irgendwie muss es klick gemacht haben.

Dies soweit zum Ablauf des Filmes. Keine Frage, ich fand ihn interessant, sehr interessant sogar, doch habe ich an etlichen Stellen meine Kritik anzubringen: Warum ist die Fotografin sprech- und hörbehindert? Als besonderen Effekt hätte diese Behinderung am Schluss "weggezaubert" sein können. Die Rolle des genialen Jungen ist unglaubhaft. Die Kommentare und Erläuterungen der Wissenschaftler lassen dem Zuhörer keine Pause, um irgendetwas zu überlegen, oder zu vertiefen. Die meisten Aussagen wären es wert, dass man darüber nachdenkt, die Konsequenzen überlegt, vielleicht Argumente für und dagegen hört. Jedenfalls sollte man nicht so ständig bombardiert werden. Auch wäre es schön gewesen, die Wasserkristalle viel ausführlicher und deutlicher und mit mehr Muße zu sehen.

Inhaltlich gesehen kann ich mit sehr vielen Aussagen und Betrachtungen, was denn die Wirklichkeit sei, gut übereinstimmen. Alles ist Bewusstsein. Das Gehirn trennt nicht zwischen innerer und äußerer Realität, Materie an sich ist praktisch leer, die Quantenphysik sagt, dass wir in einem Feld von Möglichkeiten leben, aus denen wir dank unseres Bewusstseins die real werden lassen, die zu uns passt, der Maharishi-Effekt auf die Kriminalität in Washington. Doch sie Aussagen und Erklärungen der Wissenschaftler sind nicht einheitlich. Der gemeinsame Nenner ist wohl nur der, dass der Mensch viel, viel mehr ist als er sich selbst vorstellt, und dass wir nichts mit Sicherheit erklären können.

Aber wenn wir erkennen, dass die äußere Realität einen illusionären Charakter hat, dass unser Gehirn eine interpretierende Rolle spielt, dann muss man in letzter Konsequenz diese Erkenntnis auch auf das Gehirn selbst anwenden. Unsere Gehirn ist genauso immateriell wie der Stuhl. Synapsen, Enzyme und Hormone sind genauso fiktiv wie auf uns berührende Emotionen anderer Menschen. Die Sätze "Wir sind eine Realität erzeugende Maschine" oder "Zellen und Rezeptoren im Gehirn steuern unser Leben" sind dann nicht haltbar. Über weite Teile im Film hinweg wurde vermittelt, unser Gehirn sei der Teil, wo alle Erklärungen zu finden sind. Doch das ist entschieden zu kurz gedacht. Wenn die äußere Realität immateriell ist, dann ist es auch unser Körper und insbesondere unser Gehirn. Das Bild von uns muss als Basis beinhalten, dass wir als geistige Wirklichkeit (wirkender geistiger Organismus) die Welt erzeugt haben, die uns dann nur materiell erscheint.

Schade, so interessant der Film ist, die Informationsflut ist zu groß, und vor allem er ist leider in seinen Aussagen nicht konsequent. Immerhin scheint der Film sehr anregende Wirkungen auf die Zuschauer zu haben. Direkt nach dem Film unterhielt man sich angeregt. Aus der vorigen Vorstellung das Publikum sieht ziemlich alternativ aus kamen zwei Damen, die mich an der Wand gelehnt sahen und die eine fragte mich: "Haben sie auch feste Grundlage?" Und nach dem Film wurde ich von einer jungen Frau angesprochen, die mit ihrem Freund auf der Straße ging: "Wie hat Ihnen der Film gefallen?" "Interessant", war meine Antwort, "aber zwiespältig", worauf sie dann ganz fröhlich meinte, "Aber es funktioniert" und steckte sich eine Zigarette an im Film war auch über neuronal verursachte Süchte gesprochen worden.




Stand: 6.12. 2005
Bitte nehmen Sie bei Interesse an den vorgestellten Themen Kontakt mit dem Verfasser dieser Zeilen auf.
Bodo Zinser, Tel.: 0821 / 543 943 74, Email: BodoZinser (at) Selbstgewahrsein.de




Zurück zur Artikel-Übersicht