Bodo Zinser
Matrix revisited
 

Eine Rezension über das Buch von Mat Lawrence
"Like a Splinter in your Mind
The Philosophy behind the Matrix Trilogy"
 

 

Der erste Film Matrix war für viele Menschen eine richtige Offenbarung. Wer sich für Philosophie, Science Fiction oder Esoterik interessierte, musste den Film zur Kenntnis nehmen, weil darin eine Hauptfrage der menschlichen Existenz behandelt wird: Wie real ist die Wirklichkeit, die wir erfahren? Werden wir durch unsere Wahrnehmung in irgend einer Richtung betrogen? Sind wir sind in einer Matrix gefangen, sei wie im Film die Computermatrix, sei es im Sinne Kants die Matrix unseres Denksystems, sei es die Matrix der Maya, die uns Blendwerk vorgaukelt.

Der Film hat für viele bestimmt den Effekt gehabt, überhaupt oder neu über solche Fragen nachzudenken. Die rasanten Action-Scenen mit Effekten, die bis dahin nicht bekannt waren haben ihren Teil dazugetan. Die meisten werden aber so wie ich nicht erkannt haben, dass hinter der Filmidee von der Fragwürdigkeit der wahrgenommenen Welt ein ganzes Gebäude an Philosophie steht, das durch Brüder Wachowski absichtlich errichtet worden ist. Nicht nur die Namen der Protagonisten man denke nur an das Wortspiel, das leider nur im Amerikanischen möglich ist: Neo = One und der Maschinen (z.B. die Nebukadnezar) der die Stadt "Zion" haben ihre hintergründige Bedeutung, sondern auch solche Kleinigkeiten wie Yin-Yang-Ohrringe des Orakels oder das Schild mit der Aufschrift "Erkenne dich selbst". Dass nicht nur der Agent Smith ein Maschinenprogramm ist, das ganz bestimmte Aufgaben zu erfüllen hat, sondern auch noch weitere, empfindende Programme agieren selbst das Orakel ist ein Programm und die Art und Weise wie denkende und empfinde Maschinen, bzw. Programme, bzw. Menschen miteinander agieren dafür und für vieles andere öffnet der Philosophieprofessor Matt Lawrence uns die Augen.

Als amerikanischer Philosophiedozent kennt er sich bestens in den verschiedenen Richtungen der Philosophie aus, kann diese verständlich und einleuchtend beschreiben und das Für und Wider in bestimmten Auffassungen darlegen. Und er zeigt vor allem, dass all diese Themen in der Filmtrilogie vorkommen: Natürlich die Frage nach der Realität und die skeptischen Fragen, die Descartes hier aufwirft, oder der Geist-Körper-Dualismus, oder der unerschütterliche Glauben von Morpheus, der beim Philosophen Kirkegaard behandelt wird, oder die augenscheinlich vorhandene neue Gesellschaft in der unterirdischen Stadt Zion. Ganz besonders gut haben mir die ersten zwei Kapitel (über Realität und über Dualismus) gefallen.

Und ganz ausgezeichnet finde ich das vorletzte Kapitel. Hier vergleicht er den in der Matrix allgegenwärtigen Computercode mit der östlichen Tao-Philosophie und den Antagonismus der Kräfte in der Matrix mit dem polaren Prinzip von Yin und Yang. Beispielsweise stellt das weibliche Orakel die weibliche Yin-Kraft dar und der Architekt die männliche Yang-Kraft. Und am Schluss kann Neo durch das chinesische Wu-Wei-Prinzip des Handelns im Nicht-Handeln die Smith-Armee besiegen: Sein Nicht-Handeln aktiviert den Restart-Code für die Matrix und schafft eine ganz Welt. Lawrence beschreibt ausdrücklich den Seins-Zustand, den Neo am Schluss erfährt, als Erleuchtung, denn hier kann er das Tao, das heißt den dafür stehenden Computercode, trotz (oder wegen) seiner weltlichen Blindheit direkt sehen und dies ausnutzen.

Sehr interessant ist auch das letzte Kapitel, wo es um Kants Idee einer Matrix geht, d.h. dass von vornherein wir Menschen einem bestimmten vorgegebenen Konstrukt Raum und Zeit und Kausalität einschließend unterworfen sind und (gemäß der Kritik der reinen Vernunft von Kant) dem nicht entweichen können. Hier stellt er die Erfahrung von Mystikern und Erleuchteten entgegen, die vermutlich doch zumindest auf ihre Weise die übliche menschliche Matrix transzendieren. Die einfühlsame Art und Weise, wie er hier die mystischen Erfahrungen beschreibt und als Möglichkeit referiert, zeigt mir, dass er hier über sein Metier eines Philosophieprofessors hinausgegangen ist. Er scheint für diese Themen nicht nur eine Sympathie zu haben, sondern vielleicht sogar eigene Erfahrungen zu besitzen. Meine Erstaunen und Respekt ist gewachsen, dass auch solche Aspekte von den Brüdern Wachowski ganz bewusst einbezogen worden sind. Es heißt dass der Bewusstseins-Philosoph Ken Wilber einen mehrstündigen Kommentar zu der Trilogie abgegeben hat, der bald als DVD erhältlich sein soll.

Sehr gut finde ich, dass nicht nur am Ende des Buchs ein ausführliche Registern Personen und Gegenstände der Matrix erklärt, sondern auch am Ende jedes Kapitels detaillierte Hinweise und Lese-Empfehlungen gegeben werden, mit denen man selbst im deutschen Sprachraum etwas anfangen kann. Das Buch macht neugierig darauf, die Trilogie nochmals anzusehen, um dann mit ganz anderen Augen und mit mehr Detailkenntnissen die Filme wahrzunehmen. Vielleicht kommt man dadurch der Frage, die Morpheus und der Buchautor ganz am Schluss wieder aufwerfen, etwas näher: "Ist das wirklich?"

 

Lawrence, Mat: Like a Splinter in your Mind The Philosophy behind the Matrix Trilogy, 224 S.;
Backwell Publishing, Malden, USA, 2004,
siehe: http://home.lbcc.cc.ca.us/~mlawrence/Splinter_files/Splinter.htm

 

Morpheus

Matrix, Teil 1

Morpheus als Erklärung zu Neo:
Die Matrix ist überall. Sie ist um uns herum. sogar jetzt in diesem Raum. Du kannst sie sehen, wenn du aus dem Fenster schaust, oder wenn du das Fernsehen anmachst. Du kannst sie fühlen, wenn du zur Arbeit gehst, wenn du zur Kirche gehst, wenn du deine Steuern bezahlst. Es ist die ganze Welt dir über die Augen gezogen worden, um dich blind zu machen für die Wahrheit... ein Gefängnis, das du nicht riechen kannst, oder schmecken oder fühlen. Ein Gefängnis für deinen Verstand.
(Bodo: Man ersetze nur 'Matrix' durch 'Maya' und schon ist man beim Thema.)

Lawrence,
Matt

Like a splinter in your mind, S. 2

Ich würde sagen, dass sich diese Filme um Wissen, Wirklichkeit, Bewusstsein, Freiheit, Schicksal, Vorauswissen, Glaube, Gut und Böse, Ereleuchtung und den wahren Sinn des Lebens drehen. Kurz, sie handeln von der Philosophie.

Matrix, Teil 1

Morpheus

Ich kann dir nur die Tür zeigen. Du musst selbst durch sie gehen.

Lawrence,
Matt

Like a splinter in your mind, S. 22

Ist es möglich, dass Sie genau jetzt träumen? Einige Leute kaufen das nicht ab. Sie argumentieren, dass es einen Unterschied darin gibt, wie sich Traum und Wachzustand anfühlen. Ganz sicher, sagen sie, ist meine Erfahrung in diesem Moment zu frisch und lebendig, als dass es ein Traum sein könnte. Aber während die meisten von uns schon ziemlich luzide Träume gehabt haben, in denen wir erkannten, dass wir träumten, haben Sie wahrscheinlich auch die Erfahrung gemacht, total in einem Traum gefangen zu sein, so dass Sie nicht auf die Idee kamen, die Ereignisse seien nicht real.
Können Sie absolut sicher sein, dass jetzt nicht einer dieser Momente ist? Es scheint zumindest eine kleine Möglichkeit zu geben, dass dies ein Traum sein könnte.

Descartes

zitiert in Lawrence: "Like a splinter", S. 27

Wenn ich mich davon überzeugt habe, dass es nichts in dieser Welt gibt (dessen ich mir sicher sein kann), - kein Himmel, keine Erde, kein Verstand, keine Körper, folgt daraus nicht, dass ich nicht existiere? Nein, ich muss existieren, wenn ich es bin, der von etwas überzeugt ist... Soll der (der böswillige Dämon) betrügen so viel er kann, er kann es niemals schaffen, dass ich nichts bin und zugleich denke ich sei etwas.

(Bodo: Die Idee des "Ich" ist hier unbemerkt eingeschlüpft, denn die Erkenntnis durch das Erwachen ist auch, dass das Ich illusionär ist. Aber man kann D.s Beweisführung dadurch retten, dass "Ich" nicht etwas sein muss, was individualisiert ist, sondern zumindest etwas, das ein Empfinden einer Existenz hat.
Aber andersherum ist es durchaus denkbar, dass wir Menschen etwas viel größeres und umfassenderes sind, aber die Umstände unseres Daseins (ob freiwillig oder gezwungenermaßen sei hier außer Acht gelassen), uns in der Eigenwahrnehmung beschränken etwa so wie uns das Traumbewusstsein beschränkt.)

Lawrence,
Matt

Like a splinter in your mind, S. 27

Sie haben nicht nur ein direktes Gewahrsein Ihrer eigenen Gedanken und Empfindungen, sondern Sie wissen auch so wie Descartes es ausdrückt , dass Sie ein denkendes Ding sind, d.h. dass Sie eine solche Art von Wesen sind, das diese Gedanken und Empfindungen hat. Das soll nicht heißen, dass Sie der Ursprung dieser Gedanken sind. Es ist immer möglich, dass sie irgendwie von außerhalb "in ihren Geist eingefüllt" werden. Aber ungeachtet der Art und Weise wie sie entstehen, müssen Sie in der Lage sein, sie zu erfahren.

(Bodo: Sehr schön, ds. Argumentation vermeidet sowohl D.s Aufhänger "Ich denke, also ..." als auch das fragwürdige "Ich" also Schöpfer der Gedanken, bzw. die Vermutung, manche oder alle Gedanken könnten uns nur einfallen. Ich denke, wir sind der unmittelbaren zweifelsfreien Erkenntnis fähig, dass wir sind und Gedanken und Empfindungen haben, ohne dass das noch eine Untermauerung braucht.)

Lawrence,
Matt

Like a splinter in your mind, S. 29

Eine sehr schöne Untersuchung, was Realität ist, bzw. wie fragwürdig unsere diesbezüglichen Wahrnehmungen sind, gibt Lawrence wieder, indem er die Bertrand Russells philosophische Überlegungen dazu schildert:
Ist ein Sessel (in der wahrgenommenen Art) real? Alles was wir davon erkennen, hängt von unserer Wahrnehmung (welche nicht nur beschränkt, sondern auch verzerrend ist) ab. Z.B. ist die rote Sesselfarbe nicht wirklich rot, das Leder nicht wirklich glatt, das Material nicht wirklich fest und dicht, sondern zu 99,999% leer.

Lawrence,
Matt

Like a splinter in your mind, S. 35

(Als Argument dafür, dass ein Geist-Körper-Dualismus schwer durchzuhalten ist, weil dann die gegenseitige Einflussnahme schwer erklärbar ist. Als Schaltstelle betrachtete Descartes die Zirbeldrüse ein sehr fragwürdiges Konzept.)

Beispielsweise bewirken bestimmte Psychopharmaka, dass der Benutzer Dinge sieht und hört, da nicht "wirklich" da sind ziemlich ähnlich dem Vorgang, wenn man in die Matrix eingestöpselt wird. Und wir wissen, dass dies (so wie in der Matrix) deswegen passiert, weil eine körperliche Stimulation bestimmter Gehirnregionen stattfindet. Oder es gibt die Tatsache, dass wenn Sie einer Person ziemlich kräftig auf den Kopf schlagen, diese bewusstlos wird und dadurch den angenommenen immateriellen Geisteszustand ganz verliert. Oder betrachten Sie, wie das Altern das "immaterielle Selbst" beeinflusst: Verlust von Gedächtnis, mentaler Schnelligkeit und Klarheit.

Lawrence,
Matt

Like a splinter in your mind, S. 129

(Die Bemerkung des "Löffel-Jungens" aufnehmend, dass es keinen Löffel gibt, den man biegen könnte, greift Lawrence ein Zen-Geschichte auf, die ich schon kannte, aber nun in einem besseren Licht verstehe:)

Seine Behauptung erinnert uns an eine buddhistisches Gleichnis von zwei Mönchen, die über die Tempelfahne diskutierten. Der erste Mönche meinte, die Fahne würde sich bewegen, und der zweite Mönch hielt dagegen, dass es nicht wirklich die Fahne war, die sich bewegte, sondern der Wind. Und wie sie sich darüber eine Zeitlang stritten, näherte sich Hui-neng, der sechste Patriarch, und sagte: "Meine Herren, es ist nicht die Fahne, die sich bewegt. Es ist nicht der Wind, der sich bewegt. Es ist euer Geist, der sich bewegt!" Hui-neng scheint damit vorzuschlagen, dass "alles im Geist passiert" und er dachte dabei bestimmt nicht, dass wir in der Matrix wären.
(Bodo: Also Fahne oder Wind sind nur Illusion, da bewegt sich nichts, sondern unser Geist erzeugt diese scheinbare Bewegung.

Lawrence,
Matt

Like a splinter in your mind, S. 171

Wir können dem Tao zwei Hauptaufgaben zuschreiben. Erstens, dass aus dem "Nichtsein" des Tao alles "Sein" entspringt. Laotse beschreibt dies so:

25
Es gibt etwas Gestaltloses und Vollkommenes
bevor das Universum geboren wurde.
Es ist heiter, leer, einzig, unveränderlich, unendlich.
Ewig gegenwärtig.
Es ist die Mutter des Universums.
Mangels eines besseren Namens
nenne ich es Tao...

Und zweitens sind durch die Schöpfungskraft des Tao alle Dinge so wie sie sind:

34
Das große Tao fließt überall.
Es mag sich nach links oder rechts wenden.
Alle Dinge sind um des Lebens willen davon abhängig,
und es wendet sich nicht von ihnen ab.
Es erfüllt seine Aufgaben,
aber beansprucht keinen Lohn dafür.
Es kleidet und nährt alle Dinge,
aber will nicht deren Herr sein.

Lawrence,
Matt

Like a splinter in your mind, S. 172

Der Code (der Matrix) ist wie das Tao, weil es die höchste Realität in der Welt der Matrix darstellt. Das ist es, was hinter allen Erscheinungen steht und sie darüber hinaus ermöglicht.... Das ist es, was Neo nachdem er den Zustand der Erleuchtung am Ende des ersten Films erreicht hat, wahrnimmt. Doch ist der Code kein Ding innerhalb der Matrix, er ist kein Objekt, sondern das, was alle Objekte ermöglicht, ... keine Substanz, sondern eher ein Prozess.

Lawrence,
Matt

Like a splinter in your mind, S. 173

Das Yin-Yang-Symbol selbst zeigt uns die philosophischen Ideen, die hier am Werk sind. Beachten Sie, dass jede Seite ihre besondere Gestalt teilweise durch die Grenzen, die die andere Seite schafft, bekommt. Auf diese Art ergänzen Yin und Yang einander Sie können das eine nicht ohne das andere erhalten. Beachten Sie auch, dass innerhalb der schwarzen Yin-Seite es einen weißen Fleck gibt, und innerhalb der weißen Yang-Seite gibt es einen schwarzen Fleck. Das stellt die Idee dar, dass nichts nur gänzlich aus der einen oder anderen Energie besteht. Es gibt immer Vermischungen dieser beiden Polaritäten.
....

Wir können das Funktionieren der Energien von Yin und Yang auch in der Matrix beobachten, besonders in "Revolutions". Wir finden Yin-Yang in unscheinbaren Dingen wie die Yin-Yang-Jade-Ohrringe des Orakels, aber auch in wichtigeren Aspekten des Films. Das Orakel repräsentiert hauptsächlich die Yin-Energie. Es ist ein intuitiv-wissendes Programm, welches mehr auf emotionaler Ebene ausgeführt wird, wohingegen die Gegenkraft, der Architekt, von Vernunft beherrscht wird.

Lawrence,
Matt

Like a splinter in your mind, S. 174

Neo kämpft für das Leben, während Smith um den Tod kämpft und sagt: "der Zweck des Lebens ist zu sterben."
(Bodo: Das klingt doch ganz nach Mephisto in Goethes Faust: "Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht...")

Lawrence,
Matt

Like a splinter in your mind, S. 177

So wie Morpheus es sagt: "Du musst alles loslassen, ... Angst, Zweifel, Unglauben. Befreie deinen Geist." Du musst den Yin-Energien erlauben, dich geschmeidig und flexibel zu machen, damit du dem Weg folgen kannst, den das Universum für dich bereitet hat.

57
Wenn du ein großer Führer sein willst,
musst du lernen, dem Tao zu folgen.
Höre auf, kontrollieren zu wollen.
Lass feste Pläne und Konzepte gehen
und die Welt wird sich selbst regieren.

Der höchste Ausdruck dieser Fähigkeit, dem Fluss des Tao zu folgen, nennen die chinesischen Philosophen Wu Wei, das "Handeln im Nicht-Handeln". Das seltsame beim Tao ist, dass es im Wesentlichen das Nichtsein ist, das durch Nicht-Handeln agiert.

37
Das Tao tut niemals etwas,
und doch sind alle Dinge durch es getan...

...
Nicht-Handeln bedeutet nicht "keine irgendwie geartete Handlung". Eher ist es so wie der verstorbene Kampfsportler Bruce Lee es nannte: "natürliches Handeln". ... Lee beschreibt Wu Wei als eine spontane Handlung, die sich weder entgegen stellt noch unterwirft, sondern bedeutet, biegsam zu sein wie Schilfrohr im Wind. Diese Idee kann durch Lees Kung Fu verdeutlicht werden. Wenn ein Gegner auf dich losstürmt und dir einen Schlag ins Gesicht geben will, dann gibt es ein paar Möglichkeiten. Einerseits, wenn du extrem mächtig bist (wie der Agent Smith oder der später erleuchtete Neo), kannst du deine Hand erheben und den Schlag in der Luft stoppen. Solche eine Methode benutzt die harte und spröde Yang-Energie, aber für die meisten von uns wird das nicht wirksam sein. Eine reizvolle Alternative ist, zur Seite zu treten, vielleicht den Arm des Angreifers zu packen, wenn er dich streift, und seine Energie zu nutzen, um ihn zu Fall zu bringen. Dies exemplifiziert Handeln durch Nicht-Handeln es bedeutet, nur das notwendige Minimum an Anstrengung aufzuwenden, um das Ziel zu erreichen. Wu Wei wendet anstrengungslos die aggressive Yang-Energie gegen sich selbst.

...

Am Schluss der Matrix-Trilogie sehen wir, dass Neo das Unmögliche schafft er schlägt die sich immer wieder vervielfachende und an Stärke gewinnende Welt der Smiths durch das Prinzip von Wu Wei. Er geht siegreich hervor durch das Handeln des Nicht-Handelns. Zuerst kämpfen die beiden das aus, Yang-Energie gegen Yang-Energie, indem sie einander durch Wände hauen oder in den Boden stampfen. Aber Smith hat die Anzahl auf seiner Seite. Neo kann sie so nicht alle schlagen (auch wenn er einen schlagen könnte). Erst als Neo mit dem Kämpfen aufhört, beginnt er zu gewinnen. ... Neo wird plötzlich ruhig und still.... Durch diese Stille gibt Neo Smith den Raum, auch inne zu halten, und die Zukunft zu sehen, ... wodurch er unabsichtlich den Code aktiviert, den Neo mit sich trägt, um die Matrix neu zu starten, d.h. zu rebooten.

Lawrence,
Matt

Like a splinter in your mind, S. 189

Tatsächlich geht Neo durch zwei Stadien des Erwachens. Zuerst, nachdem er die rote Pille genommen hat, erwachte von dem lebenslangen Schlaf im Kraftwerk (Bodo: auch in diesem Bild finden wir das Gleichnis wieder, das gern als Parallele beim Erwachen herangezogen wird). Aber das war erst der Anfang. Am Ende des Films, nachdem er durch Trinitys Kuss wieder auferstand, sah Neo plötzlich die virtuelle Welt wie sie wirklich ist. Er begann die Wahrheit hinter der Erscheinung zu sehen dass alles nur Computercode war. Die Wachowskis stellen Neos Erleuchtung dadurch dar, dass sie uns die Welt durch Neos Visionen nach der Erleuchtung zeigen. Der Fußboden, die Wände und die Agenten erscheinen ihm plötzlich alle als Abfolge von Symbolen. (Bodo: Er sieht den Code, das Tao) Und indem er das als solches erkennt, konnte Neo sie ohne Anstrengung manipulieren.

Lawrence,
Matt

Like a splinter in your mind, S. 192

... wenn du die Inhalte deines gewöhnlichen Bewusstseins auf nur ein Element reduziert hast, und wenn dieses eine Element dann wegfällt, dann bist du angekommen. ... Aber wo, oder bei was?
Es scheint prinzipiell zwei Möglichkeiten zu geben. Entweder wirst du in Bewusstlosigkeit versinken oder du wirst beginnen, die Welt auf eine ganz neue Art und weise zu erfahren. Die einzige Möglichkeit, das sicher zu wissen, ist, das zu tun, und viele, die diesen Weg schon gegangen sind, behaupten nämlich, dass dieses Verfahren zu einer radikal unterschiedlichen Form von Bewusstsein führt. Sie behaupten nicht nur, dass dies dann ganz anders ist als alles vorherige, sondern dass es eindeutig wirklicher ist.

Suzuki, D.T.

zitiert in Lawrence: "Like a splinter in your mind", S. 194

In der buddhistischen Leere gibt es keine Zeit, keinen Raum, kein Werden und Vergehen, kein Ding. In der reinen Erfahrung sieht der Geist sich selbst wie er in sich selbst gespiegelt wird. Das ist nur möglich, wenn der Geist Sunyata selbst ist, d.h. wenn der Geist aller möglichen Inhalte, außer seiner selbst, entleert ist.

Lawrence,
Matt

Like a splinter in your mind, S. 195

(letzter Satz im Buch:)
Morpheus kann (am Ende seiner Reise) nicht anders als sich wundern: "Ist das hier wirklich?"

Lawrence,
Matt

Like a splinter in your mind, S. 199

(Beispiel dafür, dass selbst die gewöhnlichen Namen in den Matrix-Filmen eine okkulte Bedeutung haben (aber siehe auch all die anderen Namen!):)
  Anderson, Thomas: Neos Name in der Matrix wenigstens dann, wenn er kein Hacker ist.
  Der Name Neo ist in Anderson versteckt.
  Thomas erinnert an Jesus Jünger, den "Ungläubigen Thomas", der die Wunde im gekreuzigten Körper von Jesus berühren musste, um an die Auferstehung zu glauben. Neo bezweifelt anfänglich, dass er der Eine ("One") ist.
  Anderson stammt von griechisch "Andros" ab, was der Mensch bedeutet. Anderson heißt also "Sohn des Menschen", eine Bezeichnung, die manchmal für Jesus benutzt wurde.
(  Bodo: Man beachte auch die Querverbindung zu dem Märchenschriftsteller Anderson".)
  Neo ist ein Anagramm von "One" (i. Deutschen der "Auserwählte").
  Neo bedeutet neu, und Neo repräsentiert den neuen Beginn, sowohl für die Menschen als auch die Maschinen.
  The "One" ist als Erretter der Welt eine Parallele zu Jesus im christlichen Glauben.
  Als "Awakened One" (Erwachter) erinnert er an Buddha.
  Als Reinkarnation eines früheren "One" (gemäß dem Architekt ist Neo die sechste Version oder Reinkarnation eines "One") ist eine Parallele zum Dalai Lama da, der gemäß dem tibetischen Buddhismus die vierzehnte Inkarnation eines früheren Dalai Lamas ist.




Stand: 9.1. 2005
Bitte nehmen Sie bei Interesse an den vorgestellten Themen Kontakt mit dem Verfasser dieser Zeilen auf.
Bodo Zinser, Tel.: 089 / 7400147, Email: BodoZinser (at) Selbstgewahrsein.de




Zurück zur Artikel-Übersicht