Bodo Zinser
Gottes (allzu) geheime Gedanken
 

Eine Rezension über das fast gleichnamige Buch von V.J. Becker
mit dem Untertitel
"Ein philosophischer Exkurs an die Grenzen von Wissenschaft und Verstand"
 

 

Der Untertitel dieses Buches verspricht einen philosophischen Exkurs an die Grenzen von Physik und Verstand sowie eine Antwort darauf, was uns westliche Physik und östliche Mystik über Gott und Geist, Urknall und Universum, Sinn und Sein sagen können. Auf der letzten Umschlagseite werden drei Dutzend Fragen vorgestellt wie die, was vor dem Urknall war, ob Gott einer Planung folgte, ob es eine Weltseele gibt und was Buddhismus mit der Quantenphysik zu tun hat.

Leider stellt es sich schnell heraus, dass die durch solche Einführung aufgebaute Erwartungshaltung, hierauf systematisch Antworten zu bekommen, ungerechtfertigt ist. Auf den ersten 70 Seiten werden die gestellten Fragen erneut und ausführlich gestellt. Jeder Abschnitt enthält nun zwei, drei Dutzend Fragen – einmal in eine Richtung ausformuliert, zum anderen dann in die entgegengesetzte Richtung, und wenn es ein paar Varianten dazwischen gibt, dann werden auch diese angeführt: Hatte das Universum keinen Anfang oder gab es einen Urknall, gab es etwas vor dem Urknall oder existiert alles erst seitdem oder ist diese Frage falsch formuliert, läuft alles nach festgelegten Gesetzen ab oder regiert der Zufall die Welt? Ist Gott nur transzendent zu finden, ist er nur eine menschliche Vorstellung oder durchdringt er gar die ganze Schöpfung. Fragen über Fragen und ich erinnere mich an den Satz, dass ein Narr mehr fragen kann als zehn Weise zu beantworten vermögen. Es bleibt erst einmal eine Überfütterung übrig, weil der Autor mit akribischer Sammelwut alle philosophischen, religiösen, menschlichen und wissenschaftlichen Fragen zusammenstellt, die es nur irgendwie zu dem Thema, welches seiner Natur nach kosmisch umfassend ist, geben könnte.

Leider vertritt V.J. Becker auch ein paar seltsame Thesen. Bei der Untersuchung der Frage nach dem Multiverum heißt es beispielsweise: "Da das Nichts nur eine mathematische Abstraktion ist, also in Realität nicht wirklich existiert, kann es nicht Nichts geben" (S.47). Das nichtexistierende Nichts erzwingt die Existenz des Universums?! Das ist doch reichlich abstrus. Und ein paar Seiten später baut er diese Vorstellung noch aus: "Weil das Sein wahrscheinlicher ist als das Nichtsein, stellt das Sein einen Sinn dar, weil das Nichtsein sinnlos wäre!" (S.51). Oder einfacher ausgedrückt: Weil Sinnlosigkeit sinnlos ist, hat das Sein einen Sinn. Alles klar?! Irgendwie ist der Hobby-Physiker Becker in diese Idee vernarrt, denn auf S. 52 schreibt er: "Selbst das Nichts muss einen Sinn haben, denn wenn das Nichts sinnlos wäre, würde es sogar das Nichts nicht geben." Die Widersprüche hierbei müssten doch auch ihm aufgefallen sein.

Auch bei weniger philosophisch-abstrakten Überlegungen widerspricht er sich. Heißt es noch auf S.58, dass der Satz von Pythagoras nicht existiert bevor er nicht gedacht wird, so heißt es im Gegensatz dazu auf S.72: "Der Satz des Pythagoras existierte nach diesem Modell schon in seiner autonomen mathematischen Welt, bevor es Menschen gab. Er wurde nicht erfunden, sondern entdeckt." Zwar schreibt er hier noch erläuternd hinzu, dass es sich um ein bestimmtes Modell handelt, aber dieses wird ganz selbstverständlich vor dem Leser ausgebreitet, so klar und eindeutig wie vorher das Gegenteil gesagt wurde. Der Widerspruch wird nicht aufgezeigt, geschweige denn erklärt oder dass ein Standpunkt dazu eingenommen wird. In diesem Zusammenhang erscheint dann ein Satz von dem Autor, den ich ansonsten gern unterschrieben hätte, in einem ganz anderen Licht: "Wir entdecken die Moleküle, dann die Atome, dann die Elementarteilchen, dann die Strings. Solange unser Geist sucht, wird er auch etwas entdecken. Nicht ein Etwas, welches objektiv da draußen wartet, sondern ein selbst geschaffenes Etwas." (S.60) Beschreibt der Autor seine eigene Vorgehensweise? Sucht er und sucht er weiter, und findet dann immer wieder ein selbstgeschaffenes Etwas?

Wenn der Medizintechniker Becker (Autorenvita S. 214) quantenphysikalische Phänomene beschreibt, dann bleibt auch hier die Frage im Raum hängen, wie viel davon gesicherte Wissenschaft, und wie viel von ihm postulierte Vermutung ist. Verschränkte Photonen, die getrennt werden, sind nachweislich noch ein paar Dutzend Kilometer miteinander verbunden, aber er macht daraus Lichtjahre (S.78). Dann beschreibt er ein Experiment mit einem Elektron in einer Kiste, die in zwei Hälften geteilt wird. Das Elektron, versteckt in der Quantenwelle, muss sich nun, wenn man nachschaut, links oder rechts befinden, und egal, ob eine Kiste in Afrika und die andere in Tokio geöffnet wird, wird der Inhalt beider Kistenteile dadurch korrekt bestätigt. Auch dieser Versuch entspringt nur seiner extrapolierenden Vorstellung, denn ein solches Kistenexperiment gab es noch nie und kann es auch nicht geben (im besten auf der Erde künstlich hergestellten Vakuum sind immer noch Abermillionen Atome und noch mehr Elektronen vorhanden). Er geht auch noch einen Schritt weiter, indem er behauptet, dass durch den Urknall jedes Teilchen mit jedem anderen Teilchen verschränkt ist und das seit Urzeiten. Welches der Myriaden von Teilchen wird dann als Gegenpart seinen Spin entsprechend manifestieren, wenn wir ein Teilchen in Hamburg beobachtend festlegen? Eines in Berlin, oder eines am Südpol oder eines auf Beteigeuze, oder gar alle zusammen?

Aus der Wellenfunktion eines Teilchens, das sich laut Heisenberg mit einer bestimmten Wahrscheinlich an einem bestimmten Ort befindet, schließt der Autor, dass jeder Mensch wie jedes makroskopische Objekt seine Wellenfunktion hat, und er nur mit großer Wahrscheinlich sich an einem Ort befindet, aber mit einer verschwindend kleinen Wahrscheinlichkeit sich überall im Kosmos befinden könnte (S. 95). Bislang konnte man nur mit ein paar seltenen Versuchen nachweisen, dass maximal ein paar Dutzend Teilchen miteinander verschränkt sein können. Damit sind wir aber von der Größenordnung eines alltäglichen Objektes, also auch eines Menschen, so weit entfernt wie die Höhe meiner Haarspitzen vom Ende des Universums.

Das alles stört Becker jedoch wenig und er holt auf Basis seiner Spekulationen gern zu kosmischen Rundumschlägen aus. Um die Unsterblichkeit der menschlichen Seele zu belegen, legt er nahe, dass die Teilchen des ehemaligen menschlichen Körpers noch miteinander in Verbindung stehen und ein Informationsfeld erzeugen, welches der Sitz der menschlichen Seele sei (S.125). Hat er noch vorher dargelegt, dass der amerikanische Physiker Goswami mit seiner Idealismusphilosophie den menschlichen Leib zugunsten der nur präexistierenden Seele abgeschafft hat (S.117), so erzeugen nun die Teilchen des menschlichen Körpers trotz Auflösung und Zerstreuung das unzerstörbare Informationsfeld Seele?!

In meinen Augen hätte Becker an etlichen Stellen im Buch darlegen sollen, wie unausgegoren manche der vorgestellten Ideen anderer Spekulanten sind, dass er diese Überlegungen ablehnt und vor allem warum, statt sie unkommentiert und im Widerspruch zum vorher Mitgeteilten im Raum stehen zu lassen. Die Idee, dass die Seele aus einem Informationsfeld einiger oder aller Teilchen des physischen Körpers besteht/entsteht, ist eine solche Idee. Am Schluss lehnt er das auch ab, wenn auch nur schlagwortartig. Deshalb sei es hier – exemplarisch für andere Widersprüche – ausführlicher begründet:

Wenn die Seele unsterblich ist und mehrmals inkarniert – denn es werden ausdrücklich ehemalige Körper erwähnt –, dann sind in weiteren Inkarnationen völlig andere Teilchen im Körper zum Einsatz gekommen. Schon allein deswegen würde unsere Seele aus Dutzenden Körpern konstituiert. In unserem Körper werden ständig durch Stoffwechselprozesse die Teilchen ausgetauscht, manche innerhalb von Tagen, manche nach Wochen oder manche nach einem Jahr. In einem menschlichen Körper sind etwa 2*10^27 Moleküle (und noch zehnmal mehr Teilchen). Wenn diese nach rundweg einem Jahr alle ersetzt sind, dann werden jede Sekunde durchschnittlich 10^20 Moleküle ersetzt! Diese gehörten vor kurzem noch der unbelebten Natur, der Pflanzenwelt, irgendwelchen Tieren und öfters anderen Menschen. Wahrscheinlich sind von 99% der Mitmenschen meines Landes zu irgendeinem Zeitpunkt meines aktuellen Lebens Millionen von Molekülen auch in meinem Körper vertreten. Und aus einem solchen Konglomerat soll sich meine Seele zusammensetzen?

Etwas später (S.127) gefällt ihm diese Idee nicht mehr, sondern er spekuliert darüber, dass sich der menschliche Geist im Multiuniversum beliebig oft vervielfältigen "lässt". Und was soll hier das Wörtchen "lässt" bedeuten? Zulassen oder veranlassen, durch wen? Ob Becker tatsächlich ein Anhänger der Hypothese des Multiversums ist, wird nicht klar, obwohl er deutlich macht, "dass es sich bei der Mehrfachweltentheorie nicht um ein Hirngespinst einiger Esoteriker handelt, sondern nur Arbeiten international angesehener Physikprofessoren". Auch "der Hyperraum ist keine Erfindung phantasievoller Science-Fiction-Autoren, sondern Physiker und Mathematiker gehen seit Generationen damit um". Wer sich hier nicht auskennt, sieht hier durch solche seltsam dehnbaren Formulierungen wohl gar den Mainstream wissenschaftlicher Kosmologie, was aber mitnichten der Fall ist. Das gilt für Multiversen ebenso wie für den Hyperraum, denn beides ist bislang nicht mehr als ein physikalisches oder mathematisches Abstraktum, das niemand je gesehen oder beobachtet hat.

Aufgrund dessen, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, ergebe sich aus der Komplexität des biologischen Körpers das menschliche Bewusstsein. Andererseits ist er davon überzeugt, dass die Komplexität von Computersystemen Bewusstsein nicht hervorbringen kann. Welche genaue Rolle die menschliche Seele in den "geheimen Gedanken Gottes" spielen soll, ist wohl Becker selbst nicht klar. Seele als diffuses Informationsfeld, oder Seele und Bewusstsein durch biologische Komplexität erzeugt oder Reinkarnationserinnerungen statistisch (!) widerlegt (S. 133), aber andererseits die Tatsache, dass sich Menschen unter Hypnose nachweislich an früherer Leben erinnern (S. 139) und über die in Dinosauriern schon vorhandenen Atomen könne man sich an diese frühere Leben erinnern. Andererseits schreibt er, dass bei den vielen Fällen unter Hypnose die angeblichen Rückführungen keinerlei Deckung mit Tatsachen ergaben und er meint, es bringe einen evolutionären Vorteil, sich nicht an frühere Leben zu erinnern (S. 183).

Das gleiche Halbwissen, das Becker auf philosophischen, religiösen und kosmologischen Gebiet zeigt, dieselben Spekulationen und Widersprüche finden sich auch, wenn er über die vermeintliche "Unlogik der Astrologie" herzieht. Er verwechselt Sternbilder und Tierkreiszeichen, klebt am physikalischen Einfluss der Planeten und Sterne (was schon lange nicht mehr die Basis der gegenwärtigen Philosophie der Astrologie ist) und moniert, dass die astrologisch zusammengehörigen Sterne Hunderte Lichtjahre auseinander liegen, dass andererseits früher unbekannte zu unserem Sonnensystem gehörige Himmelskörper keine Rolle spielen würden. Beide Punkte sind völlig unrichtig dargestellt. Dass die Gravitation der Sonne gar den Lauf von Lichtstrahlen verbiegt, soll bedeuten, dass die Berechnungen der Astrologen falsch seien. Hier zeigt sich mal wieder die alte Regel, dass diejenigen, die sich als Gegner der Astrologie aufspielen, keine Ahnung davon haben und nur ihre eigene Unkenntnis und Ignoranz demonstrieren.

Natürlich ist es nicht so, dass sich in dem Buch von Becker nur abstruse Gedanken und nur widersprüchliche Ideen finden lassen. Aber die guten philosophischen und kosmologischen Überlegungen und Hypothesen gehen in der Menge an unausgegorenen und rein spekulativen Gedanken unter. Immerhin scheint der Autor das auch zu merken, denn er schreibt selbstkritisch, "dass hier keine einheitliche Theorie oder ein festes Weltbild aufgebaut werden soll, sondern vielseitige Überlegungen in verschiedene Richtungen aufgeführt werden, ... die teils widersprüchlich erscheinen" (S.139). Es wäre gut gewesen, wenn der Autor an den vielen Stellen, wo diametrale Auffassungen dargestellt werden, wirklich Stellung genommen und einen eigenen Standpunkt bezogen und begründet hätte, aber das "sei jedem selbst überlassen". Vielleicht ist doch auf ironische Weise der Titel des Buches richtig, weil wir Einsicht bekommen sollen, wie Gott wohl insgeheim gedacht und geplant hat und ihm zur Verfügung stehende Optionen imaginativ durchspielte.

Erst ganz am Schluss des Buches lässt Becker die Katze aus dem Sack und gibt seinen philosophischen Ansatz des "pantheistischen Idealismus" preis. Er bietet er uns (endlich mal) eine Zusammenfassung seiner Philosophie, stellt 10 Thesen vor und gibt an, welche "Beweise für seine Postulate" (ein Widerspruch in sich!) vorhanden seien. Mit seinen Thesen wie "Geist ist die Ursache für alle Manifestationen wie Raum, Zeit und Materie, welche wir als Realität ansehen", "der Geist ist unsterblich, nicht physikalisch, sondern raum- und zeitlos und transzendent" und "das individuelle Bewusstsein verschmilzt auf einer höheren Ebene zu einem kollektiven holistischen Geist" kann ich mich sogar gut anfreunden, wenn auch die nachfolgenden "Beweise" dafür unspezifisch und teilweise weit hergeholt sind. Will man sich mit seinen Gedanken anfreunden, reicht es aus, diese Seiten zu lesen, denn wie Becker selbst schreibt: "Viele der Überlegungen und Gedanken in diesem Buch sind schon in ähnlicher Weise an anderer Stelle erörtert worden" (S. 215).


Becker, Volker J.: Gottes geheime Gedanken
Philosophischer Exkurs
Books on Demand, Norderstedt 2006, 225 S.




Stand: 22. 2. 2012
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