Bodo Zinser

 Erwachen / Luzides Wachsein
Erklärungen
 
Inhalt
 

     Vorbemerkung
     Gedankenstrom und Bewusstsein
     Selbsterforschung und Meditation
     Entscheidender Hinweis
     Erwachen
          Luzides Wachsein
          Gedankenstille
          Verändertes Zeitempfinden
          Grundsätzliches Wohlwollen
          Willensfreiheit
          Urteile
          Geändertes Ich-Empfinden
          Spirituelle Disziplin
          Nichtwissen
     Allgemeine Beobachtungen und Vergleiche

 

Vorbemerkung
 

Mein hier folgender Artikel über Erwachen (Luzides Wachsein) soll für Menschen an der Schwelle zum Erwachen ganz allgemein eine Hilfe sein, damit Erfahrungen und Phänomene, die mit dem Erwachen einhergehen, klarer gesehen werden können. Dieser Bericht ist in zwei Teile aufgeteilt. Im ersten Teil (mit meist den gleichen Teilüberschriften) geht es um meine direkten Erfahrungen dazu. Ich empfehle, ihn zuerst zu lesen. In diesem Teil hier geht es um Erklärungen dazu, Gedanken und Erläuterungen.

Einige Satsang-Lehrer - nicht alle! - verwahren sich dagegen, dass Erwachen eine Erfahrung sei, es sei vielmehr eine Erkenntnis. Das Problem mit reinen Erkenntnissen ist aber in vielen Fällen, dass die Prämissen und/oder die Schritte dorthin so umfangreich oder undurchschaubar sind, dass sie nicht nachvollziehbar sind. Deswegen haben für mich solche intellektuellen Erkenntnisse oder Einsichten nicht einen gleichguten Stellenwert wie direkte Erfahrungen. Erfahrungen sind existentiell, sie sind unmittelbar gegeben, und wenn ich diese Erfahrungen mache und nicht durch andere übermittelt bekomme oder mir logisch erschließe, dann brauche ich mir nicht noch zusätzlich die Frage zu stellen, ob denn das Geschilderte wahrheitsgemäß dargestellt wurde und die logischen Schritte korrekt sind.
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Gedankenstrom und Bewusstsein

 

Es gibt Schätzungen, dass ein Mensch an einem Tag 50- bis 70.000 Gedanken denkt. Ich halte diese Zahl für fragwürdig (wer will das so genau zählen, und es gibt Momente relativer Ruhe), aber eine "Unmenge an Gedanken" sind es schon.
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Selbsterforschung und Meditation

 

Obwohl mein eigentlicher Weg mit einer Meditationspraxis begann und in der dortigen "Bewegung" gesagt wurde, Meditation allein reiche aus, um zum Ziel zu kommen, habe ich von Anfang an geschaut, welche Ergänzungen es denn noch geben könnte. Nach meinen Erfahrungen ist ein zweispuriger Weg recht vielversprechend - Meditation auf der einen Seite, um erweiterte Bewusstseinszustände zu erzielen, Selbsterforschung andererseits, um direkt Verhärtungen von negativer Konditionierung und geistiger Fehlhaltungen auszuschalten.

Durch Methoden der Selbsterforschung und Reinkarnationstherapie (siehe MindWalking) erreichte ich eine tiefere Einsicht in meine Konditionierung und mit der Zeit eine Befreiung von verhärteten Erinnerungen, von unangenehmen Gefühlen und negativen Glaubenssätzen.
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Entscheidender Hinweis

 

Zu meiner Erfahrung, dass das Mantra im Versenkungszustand ausgedient hatte, befragte ich einige Kapazitäten meiner TM-Vereinigung, aber zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass sie entweder dies nicht kannten oder es für nicht relevant hielten. Vielleicht lag es auch daran, dass mehr das "Transzendieren" als die "Transzendenz" geschätzt wurde. Transzendieren ist ein Vorgang, der die normale Denkebene überschreitet, der aber in den Anfangsjahren einer Meditation nur als nicht verfolgbaren Wechsel erlebt wird. Von dieser Seite erhielt ich keine Hilfe.

Im Internet bin ich, mehr "zufällig", auf die Website Satsang gestoßen, in der auf viele Erleuchtete, Erwachte und Satsang-Lehrer hingewiesen wird. Und hierbei fiel mir Aziz Kristof auf, der auf seinen Seiten sogar sein ganzes 500-seitiges Buch "The Human Buddha" abgelegt hatte. Heute ist er dort nicht mehr zu finden, sondern er hat unter Anadi Teaching eine eigene Website und er tritt unter neuem Namen auf. Aziz ist eigentlich polnischer Abstammung, lehrt aber viel in Japan und Indien und war deshalb für mich vorerst nicht persönlich erreichbar. Da auf seiner Homepage angegeben war, man könne mit ihm und seiner Organisation in Kontakt treten, habe ich das auch getan und erhielt von ihm direkt ein paar Auskünfte und schließlich Antworten auf meine Fragen.
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Erwachen

 

Zur Verdeutlichung, dass hiermit ein neuer Zustandes erreicht wurde, folgendes Bild: Wenn man auf einer bestimmten (Treppen-)Stufe steht und sich streckt und streckt, kann man eine gewisse Höhe erreichen, aber bleibt doch auf der Stufe. Doch wenn man den "Trick" drauf hat, auf die nächste Stufe zu steigen, ist die Bemühung weg, man kommt viel leichter in die Höhe, gar nicht mal zwangsläufig höher. Im Wachsein den "Zustand der Präsenz", also das Erwachtsein herbeizurufen, ist auch damit vergleichbar, dass jemand zum ersten Mal feststellt, dass er über seinen Atemvorgang eine Verfügung hat und diesen über längere Zeit anhalten kann.

Die neue Erfahrung mit Erwachen zu bezeichnen, mag im ersten Moment überraschend klingen. Es ist nicht so, dass nur keine Gedanken da sind, das ließe sich vielleicht auch auf natürliche Weise oder durch verminderte Wachheit bei einer Drogenerfahrung erreichen. Doch das Besondere an dieser "Erfahrung X" ist das klare Wachsein, eine wirkliche Steigerung des Wachseins. Ebenso wie man merken kann, dass 'gegenüber Schaf das Träumen' und 'gegenüber Träumen das Wachsein' eine Qualitätssteigerung bedeutet, so ist gegenüber dem normalen Wachssein die geschilderte "Erfahrung X" eine Qualitätssteigerung, woraus sich eine Stufung des Bewusstseins ergibt: Schlaf - Träumen - Wachsein - Erfahrung "X". Wie sollte man ES nennen? Erwachen oder Luzides Wachsein (entsprechend zu dem Luziden Träumen, also die momentane bewusstse Erfahrung des Träumenden, dass er träumt) oder Klares Sehen oder Selbstgewahrsein (siehe Birgit Permantier: "Träum ich oder wach ich? Eine Reise durch das Spektrum des Bewusstseins)" empfinde ich als gute Ausdrücke dafür. Ich bin aber keineswegs der Meinung, dass damit alle höheren spirituellen Erfahrungen oder Realisierungen abgedeckt sind, sondern meine eher, dass es hier noch viel zu entdecken gibt, so dürfte Erleuchtung entweder darüber hinausgehen oder andere Aspekte umfassen.

Und wie so oft geschildert ist die Erkenntnis des Erwachentseins auch bei mir trotz aller Vorerfahrungen völlig überraschend eingetreten. Also doch eine Erkenntnis und keine Erfahrung? Nein, die Erfahrung hat die Basis gelegt, das andere ist Beiwerk. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Sessel, die Lottozahlen werden verlesen, Sie vergleichen mit Ihrem Kontrollzettel, und klick: Es sind die richtigen Zahlen. Ist nun die Erkenntnis (die freudig und übermütig ist) das Wichtige oder, dass Sie die richtigen Zahlen endlich getippt haben?

Der Begriff "Luzides Wachsein" ist meines Erachtens deswegen so treffend, weil er die Steigerung des alltäglichen Wachseins ausdrückt. "Luzid" bedeutet wach, hell, durchsichtig, klar - das sind alles Attribute, die zutreffend sind. Auf diesen Begriff bin ich selbst gekommen, habe jedoch nachträglich festgestellt, dass er von Georg Feuerstein in seinem Buch "Wach Sein" schon verwendet wurde. Der englische Originaltitel ist sogar hierin noch deutlicher: "Lucid Waking", wobei aber das englische Wort "lucid" gebräuchlicher ist als unser deutsches Wort "luzide" und wohl deswegen in die Übersetzung nicht übernommen wurde.
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Erste Bewährungen

 

Es gab (Pfingsten 2001) noch einen besonderen Augenblick als ich auf einem weiteren Seminar mit Paul Lowe mich "outete" und dort öffentlich von meinem beginnenden Erwachen sprach. Hier interessierte mich besonders das Phänomen, dass ich praktisch weder am Anfang noch am Ende Kontrolle über den Zustand der Präsenz hatte. Den Zustand konnte ich schon einleiten, wenn mir die entsprechende Anregung dazu kam, aber diese Anregung konnte ich nur ungenügend zur "Wiedervorlage" bringen. Paul bestätigte mir, dass ich damit tatsächlich Erfahrungen gemacht habe, von denen die meisten anderen im Raum noch nicht einmal wissen, wovon ich spreche. So erhielt ich nun noch den spirituellen Ritterschlag von dritter Seite! Zuhause haben auch mir nahestehende Menschen immer mal wieder gesagt, dass für sie seit einigen Wochen eine besondere Präsenz spürbar sei.

ES ist aber nach wie vor nicht durchgängig. So ist es klar, dass in meinem Fall die Erleuchtung - die ich "höher ansetzte" als das Erwachen - nicht im Handstreich zu erobern ist, sondern wie Paul Lowe es ausdrückte, jetzt die Zeit kommt, wo man jahrelang (sprach er sogar von 20 Jahren?!) den Spiegel, der in glücklichen Momenten das wahre Sonnenlicht eingefangen hat - Momente der abschnittsweisen Erleuchtung - immer wieder in täglicher, mühseliger Kleinarbeit putzen und sauber halten muss.
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Erfahrungen im Umkreis vom Erwachen

 

Luzides Wachsein
Viele spirituelle Lehrer wie zum Beispiel Gurdjieff (siehe Colin Wilson: "Gurdjieff: Der Kampf gegen den Schlaf") oder auch Paul Lowe sprechen explizit davon, dass fast alle Menschen sich im Schlaf befinden und infolgedessen auch gegenüber der Tatsache, dass sie schlafen, unwissend sind.
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Gedankenstille

Wir kennen wohl alle die Erfahrung, dass wenn ein neuer Wecker ins Schlafzimmer kommt, wir dessen Ticken als störend empfinden. Doch nach ein paar Tagen ist das nicht mehr so, und bald entschwindet das Ticken ganz aus dem Bewusstsein. Erst wieder, wenn wir bewusst darauf achten, stellen wir fest, dass der Wecker tatsächlich tickt. Und er muss doch die ganze Zeit getickt haben und wir merkten es nicht. Der alltägliche Denkprozess ist auch etwas so Übliches, dass wir den "Lärm", den er verursacht, ebenso nicht mehr registrieren.

Folgende Übung, die Eckhart Tolle vorgeschlagen hat, ist hier sehr aufschlussreich: Man setzte oder lege sich hin, entspanne wo weit wie möglich, sodass eine relative Gedankenstille, vielleicht sogar momentane Gedankenleere eintritt. Jetzt sei man gespannt, welche Gedanken als nächstes auftreten. Es kommen in der Regel Gedanken in den Sinn, die man vorher nicht erahnt hat. Wie kann man von Willensfreiheit, oder Gedankenfreiheit sprechen, wenn man nicht erahnen kann, welche Gedanken uns als nächstes umgarnen? Dies wird umso auffälliger, wenn man im Luziden Wachsein ist. Da meist diese Gedanken mit unserem wirklichen Wollen (so dies überhaupt existiert) nichts zu tun haben, geben die meisten spirituellen Satsang-Lehrer auch die Empfehlung, den eigenen Gedanken keinen Glauben zu schenken, sondern den Verstand wie eine innere Propagandamaschine zu sehen und deshalb nicht zu beachten.

Ist trotz Gedankenstille das Denken / Nachdenken noch erlaubt? Aber ja doch! Man sollte hier die Unterscheidung treffen zwischen praktischem und imaginärem Denken. Natürlich müssen manche Sachverhalte durchdacht werden, natürlich muss überlegt werden, ob ein neuer Job angenommen werden soll, natürlich kann eine wissenschaftliche Arbeit nicht ohne gründliches Denken auskommen, natürlich muss ein Ingenieur, der ein Hochhaus plant, ganz konkret nachdenken und planen. Aber wie oft nutzen wir das Denken in dieser Funktion? Und wie oft dreht sich das Denken um irgendwelche Befürchtungen, Wünsche, Hoffnungen, irreale Fantasien? Das überwiegt im normalen Wachsein, und es lässt sich nur sehr wenig steuern.
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Verändertes Zeitempfinden

Man kann auch die Zeit philosophisch betrachten und sich fragen, welche Zeitabschnitte wirklich sind. Vergangenheit ist vorbei, auch wenn man an die Vergangenheit denkt, habe ich jetzt Erinnerungen daran, vielleicht schaffe ich die angeblichen Erinnerungen sogar erst jetzt. Und Zukunft gibt es (noch) nicht. Deutlicher: Es wird sie nie geben, ich werde nie in der Zukunft ankommen, sondern bin dann immer noch in der Gegenwart. Deswegen die Aufforderung vieler Satsang-Lehrer, im Jetzt aufzuwachen.

Im Luziden Wachsein erfahre ich folgendes: Das Geschehen verändert sich nicht mit der Zeit, nicht entlang der Zeit, sondern das Geschehen gestaltet sich in der Gegenwart um - in sich selbst, am momentanen Platze, gemäß seiner inhärenten Strukturen und Gesetze. Das Nacheinander von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist eine Gedankenkonstruktion. In der Physik ist der rätselhafte Zeitpfeil nicht auffindbar und keine Ursache lässt sich dafür angeben. Warum? Weil Zeit und damit der Zeitpfeil keine externe Realität darstellen, sondern etwas vom menschlichen Geist Konstruiertes sind. Hier spiegelt sich nur unser Weltmodell wieder, das diese Anforderungen enthalten soll. (Das sind Überlegungen, die zum "Radikalen Konstruktivismus" gehören).
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Grundsätzliches Wohlwollen

Ähnliche Erfahrungen des Nichtbewertens kennen wir beim Hören von Musik, denn Musik an sich wird als angenehm, schön, melodisch wahrgenommen. Vielleicht wird aus dem Grund von fast allen Menschen Musik so sehr geschätzt, weil hier das Denken und Beurteilen in den Hintergrund tritt.

Dieser Friede heißt für mich (leider) nicht Glückseligkeit. Eine euphorische Stimmung ist bei mir selten vorhanden. Meine allgemeine Beobachtung ist, dass bei Erwachten der Glückseligkeitsaspekt nur selten sehr ausgeprägt ist. Aber kein Zweifel: Heitere Gelassenheit ist einem Wechselbad von tiefer Verzweiflung und überschwänglichem Jubel eindeutig vorzuziehen.
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Willensfreiheit

Viele Erwachte schildern, dass sie selbst neugierig darauf sind, was sie bei einem Vortrag, bei einem Gespräch als nächstes sagen werden. Sie wissen einen Moment vorher nicht, was gesagt werden wird und finden das Ausgesprochene in der Regel interessant. Ansatzweise kenne ich auch diese Erfahrung im alltäglichen Geschehen. Noch deutlicher kann dies erfahren werden, wenn man - vorzugsweise in meditativer Versenkung - bewusst auf den nächsten "freiwerdenden" Gedanken wartet. Selten - es sei denn, man ist extrem mit etwas beschäftigt - kann man erraten, was da als nächster Gedanke kommt. Man weiß nicht, was man denken wird, bevor nicht der Gedanke aufgetreten ist. Die praktisch einzige Chance, wählend einzugreifen, sehe ich nach dem wirklichen Erkennen dessen, was man gedacht hat: Der Erwachte nimmt bewusst wahr, was er denkt und kann diesen Gedanken stoppen oder gar zurückweisen.

Die sehr bekannten Libet-Experimente "zeigen" laut schulwissenschaftlicher Auffassung, dass keine Willensfreiheit existiert, weil das Gehirn ein Bereitschaftspotential zum Denken/Handeln schon einen Bruchteil einer Sekunde vor dem Bewusstwerden, dass man handeln will, aufbaut. Also hätten unsere Neuronen, unsere Gehirnfunktionen festgelegt, was wir tun sollen. Doch schon Benjamin Libet hat festgestellt, dass es für den Probanden ein Vetorecht gibt, und in einem zehn Jahre später veröffentlichten Buch ("Mind Time") widersprach er sehr deutlich, dass die Experimente als Beweis für Unfreiheit des Willens genommen werden können.

Unsere Freiheit mag gering sein, aber die Möglichkeit zur Einflussnahme auf Entscheidungen (des Gehirns), besteht immer noch, wenn auch nur ganz kurzfristig, und ist mit wachem Bewusstsein, insbesondere bei Luzidem Wachsein, möglich. Außerdem haben die Libet-Experimente nur in ganz bestimmten, experimentellen Situationen stattgefunden, keineswegs "in freier Wildbahn". Seltsamerweise fordern auch Erwachte, die die Willensfreiheit generell und mit deutlichen Worten ablehnen, oft auf, sich für bestimmte Handlungen oder gegen andere zu entscheiden. Wie soll das ohne Willensfreiheit möglich sein? Selbst für den Kosmos als Ganzes muss es meiner Meinung nach eine Art von kreativer Willensfreiheit geben. Mir ist es schlichtweg unvorstellbar, dass dieses in jeder Hinsicht riesige, perfekt abgestimmte und offensichtlich grandiose Universum in rein mechanischer Weise ("Uhrwerk") oder zufällig entstanden sein soll, sondern diese Manifestation ist nur mit kreativer, wählender Intelligenz möglich. Und warum sollten wir als Kinder des Kosmos dies nicht geerbt haben?
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Urteile

Der positive Ansatz, Menschen nicht zu verurteilen, führt bei oberflächlicher Betrachtungsweise leider oft dazu, dass allen Handlungen mit einer großen Indifferenz begegnet wird. Aber das sinnlose Zerstören von nützlichen Dingen, die unersättliche Gier, die anderen Leid bringt, das Schlagen, Verletzen oder Töten von Menschen ist in meinen Augen zu verurteilen. Der spirituelle Lehrer Armin Risi (Buch "Ganzheitliche Spiritualität") weist in einem Artikel in der Zeitschrift "Tattva Viveka Nr.48) darauf hin, wie wichtig "Spirituelles Unterscheidungsvermögen" ist.
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Geändertes Ich-Empfinden

Zur Klärung der Frage nach dem Ich ist es sehr wichtig, was wir unter Ego, unter Ich, unter Selbst zu verstehen haben. Die Definitionen gehen weit auseinander, und in spirituellen Kreisen wird selten definiert, was denn mit der "Illusion des Ich" gemeint ist.

Die Begriffe "Ego" und normalerweise auch "Ich" haben auf alle Fälle mit einer Identifikation zu tun. Die Identifikation ist im Allgemeinen dem Menschen so selbstverständlich (ebenso wie der Besitzanspruch auf seine Gedanken), dass er dies nicht in Frage stellt. Wachschlafende Menschen identifizieren sich mit ihrer Herkunft, ihrer Familie, ihrem Beruf, ihrem Besitz, ihrem Erfolg, ihren Charaktereigenschaften, Gefühlen und Gedanken. All das stellt natürlich eine falsche Identifikation dar, denn dies sind vergängliche Attribute. Solches wird spätestens beim Erwachen klar erkannt. Also können in diesem Sinn "die erfolgreiche Sekretärin Petra" und der "clevere Ingenieur Peter" nicht erwachen. Genau hier würde ich von "Ego" sprechen, das sich mit dem Luziden Wachsein auflöst. Doch Bemühungen in dieser Richtung, welche vor dem Erwachen stattfinden, sind meines Erachtens müßig. Vielmehr wird mit dem Erwachen diese Erkenntnis der falschen Identifikation wie eine reife Frucht abfallen. Aber Achtung: Das Wegfallen des Egos bedeutet nicht, dass die Persönlichkeit nicht weiterhin existiert. Wie bei einem Schwungrad, das von früher noch in Bewegung ist, läuft auch die Persönlichkeit in derselben Richtung noch weiter, auch wenn sie nicht mehr angetrieben wird.

[Wie schon im Teil Erfahrungen dargelegt:] Bleibt etwas übrig, wenn diese Identifikationen des Egos entfallen? Ja, es bleibt die allgegenwärtige, eigene Existenz übrig, das Empfinden, im Hier und Jetzt zu sein, die bewusste Anwesenheit, das "ICH BIN " oder einfach eine "Hierheit". Diese Hierheit erlebt, es geschieht etwas "in ihr", sie nimmt wahr, beobachtet. Wenn mir jemand auf den Fuß tritt, erlebe ich es, dass es weh tut, kein anderer. Und umgekehrt, wenn sich ein anderer verletzt, dann spüre ich es nicht, höchstens aus Empathie, aus Mitgefühl. Mir ist es nicht verständlich, warum man diese Hierheit nicht "Ich" nennen sollte, und warum in diesem Sinn nicht "ich" die Erfahrung des Erwachens machen kann. Das soll nun nicht bedeuten, dass man die sporadischen Ich-Anteile, die Unbeständigkeit, die Vergänglichkeit des Ichs nicht erkannt hat.

Als letztes ist vom Selbst zu reden. Hierunter verstehe ich, dass ich über meinen Geist, mein Bewusstsein mit einem höheren Teil, mit der Allseele verbunden bin. Ob das bedeutet, dass hiermit das Konzept einer Seele einfließt, weiß ich nicht. Ob das Selbst über seine Ich-Funktion weiterhin inkarniert, sei auch dahingestellt. Reinkarnationstherapien, mediale Kontakte, Nahtoderlebnisse und Erfahrungen des außerkörperlichen Daseins sprechen dafür, doch es könnte auch anders sein. Wenn nun der "Kanal nach oben" so freigelegt ist, dass sich die Hierheit bis zur Allseele erstreckt, oder poetisch gesprochen, dass sich der Tropfen Wasser im Ozean aufgelöst hat, dann wird dieses Wesen sagen können, dass es nicht mehr von anderen Wesen getrennt ist, dass es eine Allverbundenheit erreicht hat, dass alle eins sind. Erst dafür würde ich auch den Begriff Erleuchtung verwenden. Eine solche Erfahrung kenne ich persönlich nur rudimentär, doch an ihrer Möglichkeit zweifle ich nicht.
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Spirituelle Disziplin

Viele Advaita-Lehrer machen die Aussage, durch spirituelle Disziplin, also durch Übungen und Bemühungen, könne man das Erwachen nicht erreichen, ein solches Suchen und Streben sei sogar kontraproduktiv. Dazu führen sie etliche Beispiele an, wie "normale Menschen" ohne vorheriges Bemühen völlig überraschend die Erkenntnis gewannen, dass ein Erwachen stattfand. Das mag in etlichen Fällen stimmen, und doch widerspricht die Ausschließlichkeit dutzenden spirituellen Wegen, die mit ausdauernden Übungen den Weg zu Erleuchtung suchen. Die Frage, ob ein Übungsweg die Erleuchtung "erzwingen" kann, möchte ich offenlassen, aber ich meine, dass sich mit dem Üben die Wahrscheinlichkeit dafür erhöht. Wenn Sie regelmäßig und mit hohem Einsatz Lotto spielen, dann ist die Wahrscheinlichkeit, einen guten Treffer zu landen, auch viel höher.

Meister Dogen hatte als junger Mönch eine brennende Frage, die ihm niemand zu seiner Zufriedenheit beantworten konnte: "Wenn unser Wesen ursprünglich vollkommen ist, warum ist es dann notwendig, sich zu üben?" Nach seiner Erleuchtung sagte er dazu: "Dieser Dharma (spirituelle Aufgabe, Bestimmung) ist in allen Menschen vorhanden, aber ohne Übung erscheint er nicht, und ohne Erleuchtung wird er nicht erlangt. (Zitiert nach D. Zettel in Connection 2012/3/47)


Nichtwissen

Der bekannte Satz von Sokrates: "Ich weiß, dass ich nichts weiß" macht - obwohl meistens so zitiert - eigentlich wenig Sinn, denn er ist ein Paradoxon. Tatsächlich ist die korrekte Übersetzung ohne 's': "(Wikipedia:) Ich weiß, dass ich nicht weiß". Hiermit sagt Sokrates, dass er über viele Dinge kein sicheres Wissen hat, dass er - wie Laotse es ausdrückt - sich "auf dünnem Eis" bewegt und vorsichtig sein muss.
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Allgemeine Beobachtungen und Vergleiche

 

Eine eigene, wirkliche Beobachtung und Wahrnehmung, also eine Erfahrung, grenze ich von einer Erkenntnis, die auf intellektueller Ebene geschieht, ab. Eine Erkenntnis ist z.B., dass es unendlich viele Zahlen gibt oder dass der wohlbekannte Satz eines antiken Philosophen "Ich lüge immer" ein Paradoxon darstellt. Erkenntnisse lassen sich nicht erfahren oder erleben oder beobachten, dennoch sind sie auch gültige Einsichten. Das Problem mit reinen Erkenntnissen ist aber in vielen Fällen, dass die Prämissen und/oder die Schritte dorthin so umfangreich oder undurchschaubar sind, dass sie nicht nachvollziehbar sind - man denke z.B. an mathematische Beweise, die sich über viele hundert Seiten mit komplizierten Schlussfolgerungen hinziehen können. Deswegen haben für mich solche intellektuellen Erkenntnisse oder Einsichten nicht einen gleich guten Stellenwert wie direkte Erfahrungen.

Das Ego mag mit dem Erwachen verschwunden sein, doch für mich bleibt das Ich-Empfinden im Sinne von Hierheit und das (höhere) Selbst. An diesem Punkt gehen die Meinungen der Erwachten und Erleuchteten auseinander. Für die meisten verschwindet völlig die Idee, man habe oder man sei ein Selbst - so wie es Susanne Segal (eine Ex-TM-Lehrerin) es in ihrem Buch "Kollision mit dem Unendlichen" darstellt. Für die meisten klassischen Satsang-Leute gilt das Erkennen der Illusion eines Ich, gar eines Selbst, als Merkmal der Erleuchtung. Andere wie Eckhart Tolle, Paul Lowe oder Aziz haben hier einen differenzierteren Standpunkt.

In der Definition von Erwachen und Erleuchtung liegt meines Erachtens eine Crux. Erwachen und Erleuchtung sind keine lokalisierbaren Punkte, die man im spirituellen Raum-Zeit-Gefüge eindeutig verorten kann, und auf die man dann klar mit dem Finger zeigen kann. Die Art und Weise, wie die Begriffe verwendet werden, ist nicht nur von Mensch zu Mensch verschiedenen, sondern auch von einem Kulturraum zum nächsten, von Religion zu Religion, von einer esoterisch-spirituellen Richtung zur anderen und außerdem hängt sie vom begleitenden Zeitgeschehen ab. Wir sind hier in einem Gebiet, das sehr viel größer, weiter, umfassender ist, und sich für unterschiedliche Menschen unterschiedlich darstellt. Mit den Begriffen wie Luzides Wachsein, Selbstgewahrsein, Erleuchtung, Erwachtsein, Befreiung, Unio mystica, Kosmisches Bewusstsein, Nirvana, usw. werden Teilgebiete bezeichnet, die sich nur teilweise überdecken. Die größten Parallelen zu meinen Erfahrungen empfinde ich bei Eckhart Tolle ("Jetzt"), Aziz Kristof ("Human Buddha") und Felix Gronau ("Grenzenlose Erleichterung"). Doch in die herrschende Begriffsverwirrung werde ich persönlich nicht Klarheit und Eindeutigkeit hineinbringen können, darum haben schon größere Geister (Ken Wilber) gerungen. Aber die unterschiedliche Verwendung der Begriffe kann ich schon konstatieren. Zur Hochebene der "Selbstverwirklichung" gibt es viele Zugänge und ebenso viele Erfahrungen und Beschreibungen. Wenn diese unterschiedliche Begriffsverwendung mal gesehen wird, fallen manche Diskussionen weg.

Erwachen und Erleuchtung ist für mich kein abgeschlossener Vorgang. Paul Lowe spricht davon, dass hinter jeder verwirklichten Ebene noch eine neue Ebene liegt, die es noch zu erkunden gilt, und dass die spirituelle Entwicklung ganz allgemein immer weiter geht.




Zum Artikel über Erfahrung des Erwachens




Stand: 11. April 2012
Bitte nehmen Sie bei Interesse an den vorgestellten Themen Kontakt mit dem Verfasser dieser Zeilen auf.
Bodo Zinser, Tel.: 0821 / 543 943 74, Email: BodoZinser (at) Selbstgewahrsein.de




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