Bodo Zinser

 Erwachen / Luzides Wachsein
Erfahrungen
 
Inhalt
 

     Vorbemerkung
     Gedankenstrom und Bewusstsein
     Meditation und Samadhi
     Entscheidender Hinweis
     Erwachen
          Luzides Wachsein
          Gedankenstille
          Verändertes Zeitempfinden
          Grundsätzliches Wohlwollen
          Willensfreiheit
          Urteile
          Geändertes Ich-Empfinden
          Nichtwissen
     Widmung

 

Vorbemerkung
 

Mein hier folgender Erfahrungsbericht über Erwachen (Luzides Wachsein) soll für Menschen an der Schwelle zum Erwachen ganz allgemein eine Hilfe sein, damit Erfahrungen und Phänomene, die mit dem Erwachen einhergehen, klarer gesehen werden können.

Eine eigene, wirkliche Beobachtung und Wahrnehmung, also eine Erfahrung, ist mir persönlich wichtiger als eine Erkenntnis, die auf intellektueller Ebene geschieht. Einige Satsang-Lehrer - nicht alle! - verwahren sich dagegen, dass Erwachen eine Erfahrung sei, es sei vielmehr eine Erkenntnis. Das sehe ich nicht so. Erfahrungen sind existentiell, und wenn ich diese Erfahrungen mache und nicht als Erkenntnis vermittelt bekomme oder mir logisch erschließe, dann sind sie unmittelbar gegeben.

Einige meiner Erfahrungen gehören nicht zu den Standarderfahrungen und Äußerungen der meisten heutzutage auftretenden spirituellen Lehrern: Für Willensfreiheit und "Ich"-Empfinden lasse ich noch Möglichkeiten offen. Ich bin außerdem nicht der Meinung, dass jede(r) eigentlich schon erleuchtet sei, und alle Bemühungen dafür gar kontraproduktiv seien. Ich schildere hier meine Erfahrungen auch, damit "Suchende" sehen, dass die Advaita-Einheitsaussagen nicht generell gelten.

Meine Erfahrungen, die ich mit dem Erwachen machte und weiterhin mache, sind für mich klar und eindeutig. Darüber hinaus stelle natürlich auch ich Überlegungen dazu an, versuche Hintergründe zu erkennen und die Erkenntnisse und Berichte anderer Menschen einzuordnen. Im ersten Teil des Berichtes geht es direkt um meine Erfahrungen, im zweiten Teil (mit meist den gleichen Teilüberschriften) geht es um Erklärungen dazu.


Gedankenstrom und Bewusstsein

 

Das Denken im Menschen geschieht einfach, jeder macht diese Erfahrung, mal mehr, mal weniger deutlich. Der Gedankenstrom überdeckt, überschattet das reine Bewusstsein. Dass ein Mensch Bewusstsein hat, merkt er am deutlichsten daran, dass er Gedanken hat. Auch wenn Bewusstseinsinhalt (ein bestimmter Gedanke oder Gefühl) etwas anderes ist als Bewusstsein selbst, so scheinen diese beiden Phänomene schlicht untrennbar zu sein. Jemanden zu sagen: "Sei einzig und allein bewusst, halte in deinen Gedanken inne, höre auf zu denken", wird als unerfüllbare Forderung abgetan. Meist wird argumentiert, dass natürlich auch der Gedanke "ich denke nicht, ich bin Stille, in mir ist Frieden" ein Gedanke ist.

Doch man kann Momente erhaschen, wo relative Gedankenstille herrscht, wenn auch dann nur für einen kurzen Augenblick, so dass Goethe den Faust sagen lässt: "Wenn ich zum Augenblicke sage, verweile doch, du bist so schön, dann magst du mich in Ketten schlagen, dann ist's um mich geschehen". Solche Momente sind von einer Intensität und Freude erfüllt, dass sie als höchste Glücksgefühle gelten. Was in solchen Augenblicken gespürt wird, ist so etwas wie Bewusstsein selbst, wie Stille und Frieden. Und in der Bibel heißt es: "Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen". Mit "Vernunft" ist hier das Denken gemeint, welches transzendiert werden soll. Aber die Gedanken, die alsbald wieder in diese Stille eindringen, haben eine unangenehme Eigenschaft, die man mit Anhaftung, Klebrigkeit, Überschattung bezeichnen kann. Das bedeutet, dass wenn ein Gedanke kommt, der Denkende von diesem Gedanken sofort wieder eingenommen wird: Er bejaht ihn, er lehnt ihn ab, er freut sich darüber oder ärgert sich, und es stellen sich neue Gedankenassoziationen ein. Die Kette des strömenden Denkens wird fortgeführt oder entsteht erneut.
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Meditation und Samadhi

 

Durch viele, viele Jahre ausdauernder und intensiver Meditation (Transzendentale Meditation nach Maharishi Mahesh Yogi (=TM)) habe ich erfahren, dass gerade diese Meditation eine enorme Beruhigung der mentalen Vorgänge bewirkt. Die oben beschriebenen angestrebten Glücksmomente treten in fortgeschrittener Meditation häufiger auf und werden im Laufe der Zeit intensiver. Und in seltenen Fällen wird das erreicht, was als Samadhi beschrieben wird: ein Zustand der bewussten Versunkenheit in Stille und innerem Frieden. Ein Versinken allein oder gar eine Trance ist hiermit nicht gemeint - viele verwechseln dies und sagen leider "ich habe toll meditiert, ich war völlig weg". Es geht in Wirklichkeit um die bewusste Erfahrung tiefer Gedankenstille. Das ist natürlich kein sprachlich oder auch nur mental formulierter Gedanke. Dieser Zustand ist Bewusstheit ohne Gedanken. Im Laufe der Zeit wurde es für mich immer leichter, diesen Zustand herbeizuführen, in dieses Samadhi einzutreten. Ein gewisser Nachhall blieb davon im Wachsein, aber eher wie ein Hauch.

In den früheren Jahren - vielleicht seit 1990 - kam es immer öfter vor, dass ein Satz in einem Buch, ein besonderer Anblick, eine inspirierende Musik mich auf den Gedanken kommen lassen konnte, jetzt, d.h. außerhalb der Meditation, nicht zu denken. Und das probierte ich dann immer mehr und mehr aus. Und tatsächlich: es klappte. Dies erlebte ich aber nicht als eine besondere Stufe, denn ich hatte keine wirkliche Verfügung darüber, sondern das war mehr eine sporadische Ausdehnung einer tiefen Meditationserfahrung.
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Entscheidender Hinweis

 

Auch in der Meditation stellte ich fest, dass es sehr leicht gelang, in die tieferen (oder man sollte besser 'höheren' sagen) Ebenen vorzustoßen und zwar auch ohne - wie so bei TM üblich - das Meditationshilfsmittel eines Mantras. Das Mantra ist ein Klang, eine Schwingung, die den Geist beruhigt und deshalb zur inneren Wachheit führt. Es ist aber nur Hilfsmittel, nicht das Ziel der Meditation. Dieses Mantra schien irgendwie als Hilfsmittel ausgedient zu haben.

Im Internet bin ich dann, mehr "zufällig", auf den spirituellen, buddhistisch ausgerichteten Meister Aziz Kristof gestoßen. Die Informationen bei Aziz waren für mich die bislang treffendsten! In so vielen Dingen sprach er mir aus dem Herzen, und seine Schriften gaben mir neue Informationen, die mir einleuchtend schienen. Für diesen Meister ist das wichtigste Kriterium, dass der "Zustand der Präsenz" erreicht und in der Aktivität gehalten wird. Das klang sehr vielversprechend und war doch, wonach ich suchte.

Ich schilderte Aziz meine Erfahrungen mit TM und er bestätigte, dass TM okay sei, aber nicht direkt zum "Zustand der Präsenz" außerhalb der Meditation führe! Ich habe mit meinen Fragen nicht locker gelassen und schließlich gab er mir auf meine besondere, über zehn Jahre alte Frage nach der Vertiefung des Samadhi, die Antwort, ich solle, wenn ich in der TM in ruhevoller Wachheit bin (gegebenenfalls trotz schemenhafter Gedanken) den dortigen "Zustand der Präsenz" als Maha-Mantra nutzen! Dieser kleine Wink leuchtete mir sofort ein und das befolgte ich auch. Mein Mantra, dessen Wert mir im besonderen Versenkungszustand fraglich geworden war, ließ ich Mantra sein, und wandte meine Aufmerksamkeit auf den "Zustand der Präsenz" so wie man die Aufmerksamkeit auf das Mantra lenkt.
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Erwachen

 

Den Zustand der Präsenz übte ich dann fortwährend die nächsten Tage in der Meditation, anfangs noch mit meinem TM-Mantra als Einstieg, später zunehmend ohne Mantra. Als glücklicher äußerer Umstand hatte ich ein paar Tage Urlaub in Portugal (Ostern 2001), wo ich sein Buch und seinen Ratschlag mitnahm. Und in dieser Urlaubsstimmung hatte ich vielfach die Gelegenheit, das denkfreie Wachsein auszulösen: bei einer Jeep-Safari, bei einer Fahrt im Bus, beim Einkaufen, beim Essen, usw. Ich brauchte nur zu denken: "Hoppla, das geht doch" und schon konnte ich mich darauf einstimmen. Es war jedes Mal eine kleine Willensanstrengung, aber es klappte durchweg. Und manchmal hielt  ES  für Sekunden, mal für Minuten, mal sogar über Stunden an, wobei der Zustand nicht in gleichbleibender Intensität vorherrschte. Doch auch wenn ES wegging, kam ich fast automatisch wieder darauf zurück, so dass die Zeitspanne, in der wieder im normalen Bewusstsein landete, geringer wurde. Eigentlich war ES, so wie hier geschildert, keine neue Erfahrung, doch die fast automatische Verfügbarkeit bewirkte einen erkenntnismäßigen Klick:


"Ja, das ist ES!
Das ist das Erwachen, nach dem du so lange gestrebt hast!"

 

Wie Schuppen fiel es mir von den Augen. Das war das Wiedererkennen eines aus den Augen verschwunden gegangenen Zustands der erwachten Präsenz.

Wie seltsam ist es, festzustellen, dass man handeln kann, ohne zu denken, dass man komplizierte Abläufe auch ohne innere Anweisungen hinbekommt, dass man sprechen kann, wahrnehmen kann, ohne dass das Denken seinen gewohnten Kommentar abgibt. Die Freiheit von Gedanken ist eine völlig erstaunliche und beglückende Erfahrung. Oder um eine andere Metapher zu gebrauchen: Wenn man Zeit seines Lebens einen immer mehr oder weniger bedeckten Himmel erfahren hat und die Sonne (das Bewusstsein) entweder nur erahnen konnte oder bislang "gewaltigen Wind" machen musste, um die Wolken momentan wegzuschieben, und dann bemerkt, wie leicht die überschattenden Wolken auf Wunsch verschwinden können, der Himmel dann damit völlig klar und wolkenlos ist, dann stellt dies eine glückselig machende Einsicht dar. So fühlte ich mich in den ersten Stunden dieser neuen Erfahrung.


Aus dem Streben nach einem Zustand ohne Gedanken
erreichte ich eine Erfahrung, die mit "Erwachen" bezeichnet werden kann.

 

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Erste Bewährungen

 

Vom Urlaub daheim steigerte sich das Luzide Wachsein sogar noch in seiner Intensität. Wenn ich mich hinsetze, um zu meditieren, "lief ich Gefahr", erst nach weit über einer Stunde wieder aufhören zu wollen. Und in der Aktivität machte ich mir einen Spaß daraus, immer wieder neue Umstände und Orte zu entdecken, in denen ich bislang noch nicht erwacht gewesen war: beim Spazieren gehen, beim Nachrichten schauen, beim Essen, beim Sex, vor meiner Haustür, im Garten, im Büro, usw. All das war leider keine Garantie dafür, nicht doch wieder für Stunden in das "schlafende Wachsein" zu versinken, mit keinerlei Spur von einem höheren Bewusstsein. Um vom alltäglichen schlafenden Wachsein in das Luzide Wachsein überzuwechseln, brauchte ich immer wieder Anregungen, sei es, dass ich etwas Schönes wie eine Blume, einen Edelstein oder eine liebliche Landschaft, ein freundliches Gesicht sah, sei es, dass spirituell assoziierte Worte fielen wie Bewusstsein, Gott, Liebe, Frieden, usw. oder dass andere Umstände mich daran erinnerten, dass ES möglich ist und dass ich den Perspektivenwechsel vornehmen konnte.

Ich hatte anfangs die Hoffnung, diese Zeiten der Präsenz immer länger und in immer weitere Bereiche ausdehnen zu können. Doch das erfüllte sich nicht. Eher im Gegenteil: Der Alltag hatte mich in den nächsten Monaten und Jahren immer weiter eingeholt. Die Summe des Wachseins verringerte sich zusehends auf deutlich weniger als eine Stunde täglich. Doch auch in dieser Zeit ist kein Tag vergangen ist, an dem ich, außerhalb der Meditation, nicht für paar Minuten oder die eine oder andere Viertelstunde erwacht war. Wie bescheiden man doch auf einmal wieder werden kann und werden muss...

Und wie ging es seitdem weiter? Durch weiterhin tägliche Meditation und Übung des Zustandes der Präsenz blieb ich am Ball, denn Meditation diente und dient mir nach wie vor als Hilfsmittel. Die Erfahrung der Bewusstheit lässt sich am deutlichsten in der Meditation machen und dann außerhalb als Richtschnur und steht dann als Einübung für die weitere Entwicklung zur Verfügung. Und tatsächlich ging es irgendwann wieder "aufwärts". Der erwachte Zustand stellte sich leichter und öfter ein. Luzides Wachsein ist nun eine Erfahrung geworden, die ich mir jederzeit gönnen kann - da gibt es keine praktischen oder theoretischen Beschränkungen. Inzwischen ist dieser Zustand sogar zu einer Art zweiten Natur geworden, auch ohne besondere Anlässe ereignet ES sich automatisch, die Momente, wo ich spontan in den Zustand hineinfalle, mehren sich. Es reicht zum Beispiel, wenn ich mir gewahr bin, dass ich nicht im "Luziden Wachsein" bin, dass dann mein System automatisch darauf umschaltet. Auch sonst gibt es Anlässe zu Hauf, etwa wenn ein Gespräch oder eine Mitteilung auf dieses oder ein ähnliches Thema kommt, dann geschieht ES. Da ist eigentlich nichts mehr zu tun. Die anfangs empfundene Glückseligkeit ist dabei mehr einem stillen, dauerhaften Frieden gewichen.
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Erfahrungen im Umkreis vom Erwachen

 

Auch wenn das Luzide Wachsein bei mir nicht durchgängig stattfindet, so sind die damit verbundenen Erfahrungen so eklatant und eindeutig, dass der Begriff Erwachen durchaus richtig ist. Ich möchte nachfolgend meine wichtigsten Erfahrungen aufzeigen, die den Unterschied zum normalen Wachsein herausheben und begreifbar machen. Das geschieht hier vorwiegend in der Reihenfolge der Intensität, wie ich sie selbst empfinde.
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Luzides Wachsein

Dies ist für mich das deutlichste Merkmal, das man mit verschiedenen Namen belegen kann: Luzides Wachsein, Klares Sehen, Selbstgewahrsein, Selbsterinnerung, Erwachen, wolkenlose Klarheit, Zustand der Präsenz. Doch wie heißt es bei Laotse: "Der Name, der genannt werden kann, ist nicht der wahre Name". Ich glaube, diese Erfahrung der besonderen Wachheit dürfte mit am schwersten verständlich zu machen sein, denn jeder normale Mensch wird doch sagen, dass er sich tagsüber in einem wachen Zustand befindet, natürlich mal etwas aufmerksamer, mal weniger. Doch einfach zu sagen, der Grad der Aufmerksamkeit sei gesteigert, ist zu wenig. ES ist ein Quantensprung im Bewusstsein, und Luzides Wachsein hat für mich gegenüber normalem Wachsein einen ähnlichen Abstand, eine ähnliche Qualitätssteigerung wie Wachsein gegenüber Träumen. Es fühlt sich wie ein Erwachen aus dem "schlafenden Wachsein" an.

Es ist auch für mich sehr schwer, genau zu beschreiben, was sich ändert, wenn ich vom normalen Sehen in das "Klare Sehen" wechsle. Ich war doch auch vorher wach, ich hatte doch auch vorher mich selbst und meine Umgebung wahrgenommen. Die Sinneseindrücke sind auch nicht brillanter. Was also ist hinzugekommen? Äußerlich könnte ich auf nichts einen Finger legen, und doch ist die sofortige, unmissverständliche Empfindung und Bewusstwerdung da, dass sich etwas geändert hat, dass eine ganz neue Qualität im Wachsein vorhanden ist. Das Wachsein ist luzide geworden.
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Gedankenstille

Nochmals: Gedankenstille bedeutet nicht weniger, als dass in der Aktivität keine Gedanken da sind, kein innerer Kommentar, kein Urteil, kein mentales Besitzergreifen und kein Ablehnen. Handlung (einschließlich dem Sprechen) geschieht bewusst ohne mental-sprachliche Vorwegnahme oder kommentierende Begleitung. Wenn durch das Erwachen Gedankenstille herrscht, oder sehr selten auch bei besonderen Naturerlebnissen, dann kann die auftretende Stille frappierend sein. Die Stille, die im Luziden Wachsein auftritt, ist auch dann vorhanden, wenn äußerer Lärm da ist. Ich besuchte einmal ein modernes Musical und die Lautstärke war so extrem, dass mir die Ohren schmerzten. Dennoch hat dies die innere Stille nicht aufgehoben, eher noch, dass der Kontrast umso deutlicher empfunden wurde. Was wir alltäglich als Lärm empfinden, ist weniger der äußere Krach als die eigenen Gedanken, zumal wenn sie den Lärm missbilligen. Die Gedankenstille, die mit dem Luziden Wachsein einhergeht, ist wohl eher begreiflich, wenn auch viele sagen würden, dass so etwas nicht möglich sei.

Damit ist man auch von dem zwanghaften, automatisierten Denken befreit - welch eine Erleichterung! Das Zwanghafte daran ist einem gemeinhin nicht bewusst. Für gewöhnlich meint man, Besitzer der eigenen Gedanken zu ein, ja sogar deren Verursacher. Doch das ist eine kurzsichtige Beobachtung, die für das schlafende Wachsein kennzeichnend ist: Gedanken kommen einfach, und automatisch wird "mein Gedanke" als Etikett aufgeklebt. Diesen (früheren) Automatismus des Denkens zu erkennen, ist im ersten Augenblick sehr ernüchternd, ja erschreckend, doch ein klein wenig Erfahrung damit zeigt auf, dass das eine große Befreiung bedeutet.
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Verändertes Zeitempfinden

Eine wesentliche Auswirkung dieser Zustandes ist für mich noch, dass mein Verhältnis zur Zeit anders geworden ist. Auch das ist wiederum keine Erkenntnis, sondern eine Erfahrung. Ich merke, dass Vergangenheit und Zukunft uninteressant geworden sind. Natürlich denke ich mal an etwas Vergangenes, natürlich plane ich mal etwas Zukünftiges, aber die Beschäftigung damit verselbständigt sich nicht, die betroffenen Zeiträume haften nicht an, haben einen eher illusorischen Charakter. Manchmal wird gesagt, die Gegenwart existiere gar nicht, weil sie nur einen Punkt zwischen Vergangenheit und Zukunft darstelle. Für mich ist es eher anders herum: Das Zeitempfinden verdichtet sich zu einem ewigen, umfangreichen Jetzt. Früher meinte ich, dass ich mich von Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft bewege, also dass ich mich entlang einer Zeitachse bewege. Heute würde ich sagen, dass ich stillstehe und die Zeit an mir vorbeigetragen wird. Wenn man es genau betrachtet, dann ist das auch so, wenn man einen Film ansieht: Das Geschehen auf der Leinwand wird (mit dem Abspulen der Filmrolle) an einem vorbeigetragen während man ruhig im Sessel sitzt. Es sei denn man identifiziert sich mit dem Geschehen, dann ist man mittendrin und reist auch zeitlich mit.

Die Aufforderung, im Hier und Jetzt zu sein, muss ich mir dabei gar nicht stellen, sondern auch das geschieht automatisch. Die Gegenwart ist das Lebendige, Konkrete, Wirkliche, dagegen ist die Gedankenwelt und damit das Denken an Vergangenheit oder Zukunft illusionär. Daraus ergibt sich ein Sog in das Jetzt. Das hat manchmal eine ulkige Auswirkung. Wenn ich gefragt werde, was ich in einer Stunde essen will, dann ist diese Frage oft nicht beantwortbar. Wie sollte ich sagen können, was ich in einer Stunde will, warum sollte ich etwas Unreales in das gegenwärtige Bewusstsein zwängen?
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Grundsätzliches Wohlwollen

Wenn der kommentierende, etikettierende und beurteilende Verstand weggefallen ist, wenn er zumindest deutlich ruhiger wurde, dann erlebt man eine andere, lebendigere Qualität bei den Menschen, Tieren, Pflanzen und Dingen. Man erlebt mehr die Dinge an sich, als reine Sinneswahrnehmung wie Licht-, Ton- oder Tasteindrücke, und nicht mehr das, was der auslegende Verstand unterschieben will. Wenn dir dauernd jemand sagt, wie du Menschen oder Sachverhalte sehen sollst, wenn ständig kundgetan wird, wie du etwas zu beurteilen hast, dann wird das dir lästig werden. Das seltsame ist, dass dies normalerweise durch unseren Verstand geschieht und wir dessen Kommentar als völlig selbstverständlich und zutreffend ansehen. Das ist eine Identifikation mit dem eigenen Denken. Fällt das weg - also auch, dass man zu einem Geschehen sagt, dass es falsch oder schlecht war -, dann bleibt das Erfahrene an sich bestehen, und es ist erst mal grundsätzliches Wohlwollen dafür vorhanden.

Bei mir selbst konnte ich feststellen, dass ein Verurteilen eines Menschen oder einer Situation so gut wie nie mehr auftritt, und das wohl aus einem doppelten Grund: Einmal ist der mental aufdringliche Kommentar nicht mehr da, zum anderen sehe ich, dass Menschen im Allgemeinen nicht anders handeln können als sie es tun (siehe den Punkt Willensfreiheit). Dieses grundsätzliche Wohlwollen führt zu einem tiefen Frieden mit sich selbst und mit der Welt. Soll nicht heißen, dass ich nicht manchmal aus rein "objektiven" Gründen sage, dass etwas anders besser wäre, doch selbst dann ist ein Grundton von Einverständnis und Frieden vorhanden. Trotz der Aggressivität der Menschen, der Verrücktheit ihres Handelns und der allgemeinen Rücksichtslosigkeit kann ich nicht so richtig böse darauf und darüber sein. - ich bin im Frieden mit mir selbst. Klagen und Beschwerden werden hier als unangebracht, unnötig, kontraproduktiv angesehen, ich habe dazu einfach keine Lust mehr. Sollten mal doch negative Gefühle wie Trauer oder Zorn ausgelöst werden, sind diese Gefühle von sehr kurzer Dauer. Schon allein das augenblickliche Gewahrsein, dass solche Gefühle da sind, löst sie wieder auf. Es besteht außerdem kein Wegschieben, kein Kampf, kein Anrennen dagegen, denn genau dadurch entsteht Qual, nicht durch den Umstand an sich. Selbst körperlicher Schmerz hat nicht mehr den Zugriff, den er früher hatte.
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Willensfreiheit

Gemeinhin werden die meisten Menschen denken, dass sie eine gewisse Willensfreiheit haben, dass bei ihnen ein Spielraum oder gar eine Wahlmöglichkeit im Handeln besteht, und das womöglich sogar die meiste Zeit. Das ist - im Allgemeinen - ein sehr großer Irrtum. Da ich immer noch das alltägliche Wachbewusstsein kenne, aber auch das Luzide Wachsein, tritt der Qualitätsunterschied dieser beiden Zustände in Bezug auf Freiheit umso klarer hervor. Der erstere bedeutet ein automatisches, roboterhaftes und konditioniertes Handeln, allerdings mit eingebautem mentalem Hinweis, wir hätten doch soeben eine Handlung mit Wahlfreiheit vollzogen.

Wahlfreiheit gibt es, wenn überhaupt, wenn dieser unbewusste Automatismus unterbrochen ist, d.h. nur in einem Zustand des gesteigerten Wachseins. Und selbst dann ist der Spielraum gering. Die praktisch einzige Chance, wählend einzugreifen, sehe ich nach dem wirklichen Erkennen dessen, was man gedacht hat: Der Erwachte nimmt bewusst wahr, was er denkt und kann diesen Gedanken stoppen oder gar zurückweisen. Der spirituelle Lehrer Christian Meyer spricht davon, dass vermutlich ein Lenken der Aufmerksamkeit der einzige Ausdruck der Willensfreiheit eines Menschen ist. Hier bietet sich ein Zipfel von Wahlfreiheit an. Eine ähnliche Überlegung liegt auch dem Ratschlag zugrunde, dass man negative Gedanken nicht nähren, sie nicht weiter einladen solle.
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Urteile

Weil einerseits das natürliche Wohlwollen gegenüber den Mitmenschen vorhanden ist (siehe oben), andererseits die Erkenntnis da ist, dass fast alles Handeln - mangels Luzidem Wachsein - automatenhaft erfolgt, besteht keine Veranlassung, andere zu tadeln, zu verurteilen, sich gar über Fehler zu echauffieren. Die Pseudo-Ernsthaftigkeit, mit der fast alle "Kindermenschen" (siehe Hermann Hesses "Siddhartha") agieren, oder gar ihre Verbissenheit, wird schmunzelnd zur Kenntnis genommen. Dies schließt natürlich auch eine Selbstverurteilung ein: Falsche eigene Handlungen, die aufgrund eines Restautomatismus noch vorkommen, werden zur Kenntnis genommen und wenn möglich abgestellt, aber nicht bejammert, bedauert oder gar mit Schuldgefühlen behaftet.

Ist nun damit gemeint, dass jegliches Urteil weggefallen ist? In meinen Augen nein. Und im Deutschen unterscheiden wir beim Wort "urteilen" ein verurteilen und ein beurteilen. Das Verurteilen macht keinen Sinn und ist bei mir auch fast immer automatisch weggefallen, das Beurteilen erachte ich nach wie vor für sinnvoll. Einem Menschen meine Wohnung, mein Auto oder meine Katze anzuvertrauen, erfordert meine Beurteilung des Menschen und der Situation, ebenso, wenn ein Vertrag oder Handel mit ihm geschlossen werden soll.
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Geändertes Ich-Empfinden

Mit dem Erwachen wird deutlich, wie sehr das Ich, das man uns von Kindesbeinen an aufgezwungen hat, das wir uns "eingebildet" haben, das wir aufgrund von Elternhaus, Religion und Schule angenommen haben, ein künstliches Gebilde darstellt, ja eine Illusion ist. Doch heißt dies wirklich, dass es ein wahres Ich nie gegeben hat, dass der Vorsatz "ich will erwachen" nie in Erfüllung gehen kann, weil dies kein Ich erleben könnte, und genau das mit dem Erwachen erkannt wird?

Ich denke nein! Als Übeltäter sehe ich die uneingeschränkte Identifikation mit vorübergehenden personalen Eigenschaften wie Gestalt, Fähigkeit, Status, Reichtum. Die wichtige Frage ist: Bleibt etwas übrig, wenn diese Identifikationen des Egos entfallen? Ja, es bleibt die allgegenwärtige, eigene Existenz übrig, das Empfinden, im Hier und Jetzt zu sein, die bewusste Anwesenheit, das "ICH BIN " oder einfach eine "Hierheit". Diese Hierheit erlebt, es geschieht etwas "in ihr", sie nimmt wahr, beobachtet. Wenn mir jemand auf den Fuß tritt, erlebe ich es, dass es weh tut, kein anderer. Und umgekehrt, wenn sich ein anderer verletzt, dann spüre ich es nicht, höchstens aus Empathie, aus Mitgefühl. Mir ist es nicht verständlich, warum man diese Hierheit nicht "Ich" nennen sollte, und warum in diesem Sinn nicht "ich" die Erfahrung des Erwachens machen kann. Das soll nun nicht bedeuten, dass man die sporadischen Ich-Anteile, die Unbeständigkeit, die Vergänglichkeit des Ichs nicht erkannt hat.
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Nichtwissen

Im Übrigen gilt für mich der bekannte Satz von Sokrates: "Ich weiß, dass ich nicht(s) weiß". Dazu ist nicht mehr zu sagen.
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Widmung

 

Mögen diese Schilderungen als Anregung dienen, als Fingerzeige auf kaum bekannte aber wunderbare Landschaften, aber bedenke auch: Fingerzeige sind nicht das Wirkliche.




Zum Artikel über Erklärungen zum Erwachen




Stand: 11. April 2012
Bitte nehmen Sie bei Interesse an den vorgestellten Themen Kontakt mit dem Verfasser dieser Zeilen auf.
Bodo Zinser, Tel.: 0821 / 543 943 74, Email: BodoZinser (at) Selbstgewahrsein.de




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