Bodo Zinser über

Workshop von Bodo Deletz in Erding bei München am 9.6. 2007 über

Das Selbstwertgefühl steigern

 
 

Der Workshop und sein Rahmen

Für mich sind erstaunlich viele Teilnehmer auf diesem Seminar. Bodo Deletz, der früher seine Bücher und Seminare unter dem Pseudonym Ella Kensington verbreitet hat, ist einer der führenden Glücktrainer, ein Förderer des positiven Denkens, wobei die Zielstellung ähnlich wie bei Bärbel Mohr eine positive Bestellung, ein Glücksauftrag an das Universum darstellt. Und das Thema Glück und positives Denken zieht wohl die Menschen an, jedenfalls sind ca. 250 Personen gekommen, vielleicht zu zwei Drittel Frauen.

Der Workshop (ein Schnupper-Camp) wurde mit folgenden Worten angekündigt: "Die negative Selbstbeurteilung ist eine der größten Glücks- und Erfolgsblockaden, die es gibt. Man kann diese Blockade an einem einzigen Abend sehr umfassend auflösen. Wir gehen dabei auf eine leichte und angenehme Weise sehr stark in die Tiefe. Das Ergebnis ist ein nie da gewesenes Selbstwertgefühl, eine spürbar stärkere Eigenliebe, eine verbesserte Fähigkeit, andere Menschen zu lieben, mehr Lebensfreude, mehr Gelassenheit und Souveränität, eine erhöhte Attraktivität und natürlich mehr Erfolg auf ganzer Linie." Mir selbst ging es weniger um die Seminarinhalte als darum, Bodo Deletz und seine Arbeit direkt kennen zu lernen. Ich bin hier zusammen mit Sabine, Hans-Peter, Edith und Peter (vom Jörg-Forum aus Stuttgart).

Der Gemeindesaal in Erding ist recht schön und groß, vielleicht neuer als der in Germering. Auf der Bühne ist der Rahmen der Veranstaltung allerdings nüchtern und schmucklos: ein Tisch für den Ton- und Musiktechniker, und Bodo Deletz selbst spaziert hemdsärmelig in seinem weißen T-Shirt und in ausgetragenen Jeans auf der Bühne hin und her. Vielleicht ein klein wenig Blumenschmuck oder sonstiges atmosphärisches Beiwerk hätte den kargen Eindruck vermieden.
 

Grundlagen des Selbstwertgefühls

Anfangs lässt uns Bodo erforschen, unter welchen Umständen wir einen Menschen besonders schätzen, wann wir ihn als Freund oder sie als Freundin akzeptieren. Sind es die Leistungen, z.B. dass er besonders viel Geld verdient, oder dass sie sehr schnell Schreibmaschine schreiben kann? Oder legen wir Wert darauf, dass jemand besonders fein gekleidet ist? Nein, es kommt auf den Charakter an, auf ähnliche Interessen, auf gleiche Hobbys. Aber wir haben die Vorstellungen der Leistungsgesellschaft verinnerlicht. Um aufzuzeigen, dass es keine Leistungen sind, die wir schätzen, bittet er zehn Männer auf die Bühne und bei jedem lässt er sich einen besonderen Status einfallen: der Penner, der Milliardär, der seriöse Politiker, der Kettensägenmörder, der Musiker, usw., und wir im Saal sollen die Weltbevölkerung repräsentieren, also eine Person für 25 Millionen Menschen, und dann einschätzen, wie viele den Menschen aufgrund der genannten Eigenschaft mögen. Jeder bekommt mindestens ein paar Stimmen mit Zuspruch, auch der Mörder nachdem Bodo erklärt hat, dass auch dieser für seine Mörderfreunde eine Bereicherung darstellt. Die Aufgabenstellung ist irgendwie unklar und komisch – die meisten werden einfach nach Sympathie entschieden haben. Was sollte das?!? In einer fünfminütigen Übung sollen wir dann dem Nachbarn klarmachen, warum wir selbst als eine Bereicherung für jeden Menschen, insbesondere für unsere Freunde darstellen. Damit sollte klar sein: wir sind eine Bereicherung! Damit sich das auch einprägt, wiederholt er im Laufe des Abends diese Formel mehr als ein Dutzend mal.

Dann schildert er uns ein paar psychologische Versuche. Gesichter von Männlein und Weiblein wurden eingescannt und mit Hilfe von einem Algorithmus in das jeweils andere Geschlecht transponiert. Dann sollten diese Personen beurteilen, wie nett sie die so verfremdeten Gesichter empfinden. Hier sei das Ergebnis gewesen, dass man sein eigenes, aber nicht erkanntes, Gesicht als am sympathischsten empfunden hat. In einer anderen Versuchsreihe ließ man bei einer größeren Gruppe jeweils zwei Personen einander für wenige Augenblicke sehen – kurzer Händedruck und Namen nennen, also drei Sekunden lang – und dann sollte man in einem Fragekatalog die Eigenschaften des Gegenübers beurteilen. Anschließend hat man dafür gesorgt, dass alle Personen mehrere Wochen lang eng miteinander zusammen leben, also sich so sehr genau kennen lernen. Und wieder der Fragekatalog am Schluss. Und zu 95% würden die Aussagen aufgrund des ersten Blicks mit denen des längeren Kennenlernens übereinstimmen. Später meinte er dann noch, man würde nach nur 0,3 Sekunden sein Gegenüber vollständig und korrekt beurteilen können. Das ist wohl reichlich übertrieben und sicherlich gibt es Versuchsreihen, wo man feststellte, dass der "erste Blick" doch nicht so umfassend ist. Als weiteres habe sich auch herausgestellt, dass wenn man eine andere Person toll empfindet, diese auch einem selbst toll empfindet. Aus diesen Beobachtungen prägte dann unser Kursleiter das Schlagwort: "Wir sind die Tollsten für die Tollsten" – das bekamen wir dann noch oft unter die Nase gerieben.

Des weiteren gab es dann noch eine Erklärung und Demonstration, wie unser Gehirn arbeite. Es gebe einerseits das emotionale Gehirn, bestehend aus Stammhirn und limbischen System. Dieser Teil ist Millionen Jahre alt und "absolut identisch" mit dem von anderen Säugetieren wie Affe, Hund oder Maus. Und dann gibt es noch unser Großhirn, das in seiner Entwicklung nur 40.000 Jahre alt ist. Bewusst können wir nur 21 Informationen in der Sekunde aufnehmen, der Verstand kann 40 bearbeiten, während das Unterbewusstsein 400 Milliarden bewältigt. Diese Behauptung kann man öfters lesen und hören, aber sie ist m.E. völlig abstrus. Was hier eine Information darstellen soll, wird nie erläutert und die bewusste Verarbeitung dürfte viel umfangreicher sein als gerade 21 (sic!) Informationen. Und wie will man wissen, was und wie viel das Unterbewusste verarbeitet? Wie wollte man es zählen? Die Größenordnung geht hier von ein paar Millionen über 400 Milliarden wie beim Vortrag bis 350 Billionen – auf seiner Website unter Glückstipp vom 15.2.07 gehandelt (nur das Tausendfache!). Wenn man letztere Zahl annimmt, dann müsste jedes Neuron in jeder Sekunde 4.000 Informationen verarbeiten oder jeder Neuronenkomplex, der nach herkömmlicher Meinung etliche hunderttausend Nervenzellen für einen Sachverhalt braucht, rund eine Milliarde Information je Sekunde. Die meisten dieser "Glücksritter" – obwohl ich es von Bodo Deletz noch nicht expressiv verbis gehört habe – sind außerdem der Meinung, dass der Mensch nur 5 bis 10% seines Gehirnpotentials ausnutzt – eine Aussage, die gern Albert Einstein unterschoben wird, die er aber nie geäußert hat. Damit wären die aktiven Gehirnzellen nochmals um das zehn- bis zwanzigfache gefordert. Solche Pseudowissenschaft wird leider allzu leichtgläubig kolportiert.

Als Anschauung des Zusammenspiels von Großhirn und Emotionalhirn bat er den Tontechniker und seine Schwester zu Hilfe: er als Großhirn und sie als Emotionalhirn. Und jetzt hatten die beiden darzustellen, wie sie in verschiedenen Situationen miteinander agieren. Ruft uns beispielsweise im Berufsleben der Chef mit knurriger Stimme in sein Büro, dann ahnt das Großhirn, dass sich eine bedrohliche Situation anbahnt. Dem Großhirn geht es angeblich nicht ums Überleben ("wie oft denkt ihr im Laufe des Tages daran, zu überleben?"), sondern einfach nur darum, schlechte Gefühle zu vermeiden, gute herbeizuwünschen. In der Situation mit dem wütenden Chef übermittelt das Großhirn ein schlechtes Gefühl an das Emotionalhirn. Das kapiert zwar sowieso nicht, um was es geht, hat allenfalls mitbekommen, dass eine bedrohliche Situation da ist und kennt als einziges Mittel, dem Großhirn noch mehr Druck zu machen. Und wann reagiert das Großhirn? Wenn es unangenehme Gefühle hat, die es ja vermeiden will. Damit entsteht ein Teufelskreis. Die zwei Geschwister versuchten, während Bodo dies erklärte, das darzustellen, indem sie sich gegenseitig triezten – ein kleines Affentheater im Hintergrund und insofern passend, weil ja das Emotionalgehirn "absolut identisch" ist mit dem eines Affen. Ein Affe, sagt er dann noch, kann auch nicht in einer Großstadt überleben – "versucht den mal in das Büro zu schicken und eure Arbeit erledigen zu lassen". Aber ich meine, ein Affe könnte wahrscheinlich in einem gut bestückten Supermarkt überleben, wohingegen ein Mensch in einem Büro allein nicht lang überleben würde. Auch hier: ein völlig überstrapaziertes Beispiel.

Anschließend an diese Demonstration wollte uns der Seminarleiter klarmachen, ob wir ein guter oder ein schlechter Mensch sind. Die meisten Menschen würden ja mit den übernommenen Urteilen, die von Eltern, Schule, Kirche aufgeprägt worden sind, sich selbst eher als schlecht betrachten. Aber schauen wir uns mal das Emotionalgehirn an. Es kennt nur ein paar Kriterien, genauer gesagt sieben, ob ein Mensch gut oder schlecht ist. Wird das nackte Überleben bedroht oder nicht? Wird Nahrung weggenommen, wird Schutz vor Kälte oder Unterkunft zerstört? Wird das, was ein anderer tut, mies gemacht oder nicht? Beschimpfen wir die Freunde des anderen? In einprägsamen Bildern fragte uns Bodo, ob wir einen Freund, der mit letzter Kraft an unserer Tür kratzt, draußen in der Kälte stehen lassen würden? Nein, das würdet ihr nicht – also seid ihr diesbezüglich ein guter Mensch. Würdet ihr eurem Freund, der wochenlang nichts mehr gegessen hat, ein warmes Süppchen verwehren? Auch hier seid ihr ein guter Mensch! Ebenso plakativ zeigte er bei den anderen Kriterien des Emotionalgehirn auf, dass wie kein schlechter Mensch sind. Auch das mussten wir uns dann immer wieder vor Augen führen: wir sind ein guter Mensch. Ich glaube nach diesen Kriterien wäre auch der öfters wieder zitierte Kettensägenmörder ein guter Mensch, denn er würde seinem hungernden Kumpel nicht die Brotzeit wegnehmen. Würde umgekehrt ein Affe mit seinem "identischen" Emotionalgehirn die Unternehmungen (Hobbys) seines Kumpels gut finden oder ohne weiteres seinen Schlafplatz zur Verfügung stellen? Wäre ich ein guter Mensch, wenn ich massiv Steuern hinterziehe oder im Straßenverkehr brutal die Vorfahrt nähme (welche als Kriterien dem emotionalen Gehirn natürlich fremd sind)? Laut Bodo Deletz müsste man das annehmen.
 

Zwischenbilanz

Wie der erste Teil des Berichtes hier zeigt, war ich mit den Ausführungen von Bodo D. nicht wirklich zufrieden. Einerseits wurde mir inhaltlich nichts Neues geboten. Sabine hatte auch das Gefühl, das wäre ein Stoff, den man den Kindern in der fünften Grundschulklasse bieten sollte. Mir missfiel in der Hauptsache, dass die Ziele – wir sind eine Bereicherung für andere, wir sind die Tollsten für die Tollsten und wir sind ein guter Mensch – uns so schlagwortartig eingetrichtert wurden, und das überdies mit falschen oder fragwürdigen Argumenten. Edith drückte es so aus, dass da eine Art Gehirnwäsche stattfinden sollte. Wären Sabine und ich ohne Begleitung auf dem Workshop gewesen, hätte es gut sein können, dass wir nach der Buffetpause abgezogen wären.

Die Pause war kurz, aber das Buffet war doch ausgezeichnet, wenn es auch schwierig war, den Ansturm der vielen Menschen in geordnete Bahnen zu lenken. Nachdem so für unser leibliches Wohl gesorgt war – also in dieser Hinsicht ist unser Gastgeber ein guter Mensch –, ging es in die zweite Runde. Anfangs wurde noch das aufmunternde Lied "we will rock you" von Queen eingespielt und Bodo demonstrierte uns spontan seine Sangeskünste – eine erstaunlich gute und tonsichere Stimme!
 

Übungen zur Auflösung von Blockaden

Nachdem unser Kursleiter dann eingestand, im ersten Teil sich etwas verplappert zu haben – wozu auch die teilweise schrägen Witzchen beigetragen haben – sei er nun etwas unter Zeitdruck und es müsse flotter zur Sache gehen. Anfangs machte er uns nochmals klar, dass wir von 6 Milliarden Menschen der beste und passendste Mensch für uns sind. Wenn man anderen Menschen die Wahl lässt, ob sie mit anderen tauschen wollten, und zwar nicht nur einfach den Beruf oder die Wohnung oder den Partner, sondern total die ganzen Lebensumstände, auch die Wahrnehmung, die Gefühle und die Gedanken, dann würden wir das nicht wollen. Von der ganzen Menschheit, von sechs Milliarden Menschen, sind wir der oder die Tollste für uns, wir haben aus dem großen Lostopf das beste Glückslos gezogen. Diese Schlussfolgerung klingt im ersten Moment frappierend und einleuchtend, denn so völlig mit einem anderen Menschen zu tauschen, wären nur sehr wenige bereit. Aber bei genauerer Betrachtung ist dieses Argument auch wieder etwas überrumpelnd. Könnten wir wirklich die Erinnerung an uns behalten und gleichzeitig in der gesamten Wahrnehmung mit einem anderen Menschen für, sagen wir einem Monat, tauschen, dann würden dieses Experiment wohl viele eingehen. Und nach der vollständigen Erinnerung an beide Arten des Lebensgefühls kann ich mir sehr gut vorstellen, dass wiederum sehr viele gerne tauschen wollten, auch wenn die Erinnerung an das alte Leben wegfiele. Davon abgesehen gibt es wohl nur sehr wenige Menschen, die nicht leicht etliche Eigenschaften finden würden, die sie gern von anderen Menschen vollständig übernähmen. Weniger dick, höherer IQ, mehr Geld, mehr Ansehen, usw. Das beste Los von allen Menschen gezogen zu haben, ist in diesem Sinn nur eine gedankliche Fiktion, eine sophistische Bemerkung. Vom Lebensgefühl – worauf es schließlich ankommt, und das will gemäß Bodo Deletz unser Großhirn als einzige Erfahrung – dürfte das nur bei einem sehr, sehr kleinen Prozentsatz der Fall sein.

Als kleine, heranwachsende Kinder haben wir wenig Wahl, das Lern- und Erziehungsprogramm aufzunehmen. Das Großhirn kommt noch nicht voll zum Einsatz und das Emotionalhirn lernt durch Simulation. Es hat keinen Sinn dem Kind zu sagen, die Kochplatte sei 300 Grad heiß und wenn du eine taktile Wahrnehmung der Platte vornimmst, dann wird deine Haut eine chemisch-thermische Reaktion dergestalt eingehen, dass die überschüssige Hitze eine Blase auf der Epidermis hervorruft. So versteht das Kind nicht, sondern dadurch, dass es Handlungen der Eltern übernimmt und für sich selbst simuliert. Auch die Lehrsätze der Eltern werden übernommen und ggf. an noch kleinere Geschwister weitergegeben. Wir haben dadurch aber auch viele negative Bilder und Handlungsweisen der Eltern aufgenommen und uns zu eigen gemacht.

In einer ersten kleinen Übung sollen wir Kontakt zu unserem Mutterbild aufnehmen und uns vier Fragen stellen: wie hat sie gedacht, wie hat sie gefühlt, wie würde sie sich fühlen, wenn sie das gewusst hätte, was ich heute weiß (damit hat er wohl die im ersten Teil eingetrichterten positiven Glaubenssätze ("wir sind die Tollsten für die Tollsten"; usw.) gemeint), was würde sie daraufhin anders tun oder getan haben? Diese Übung wird ein paar mal durchgegangen, wobei man nicht im negativen Bild hängen bleiben, sondern möglichst zügig auf die positive Vorstellung umschalten soll. Dadurch wird unser Simulationsprogramm aufs Neue und auf Positives umgestaltet. In mehreren Anläufen lässt er uns das durchführen, wobei wir jedes Mal überprüfen sollen, ob wir mehr geneigt sind, den Kopf zu nicken oder zu schütteln, denn das würde die Zustimmung bzw. Ablehnung des Unterbewusstseins zum neuen Bild der Mutter signalisieren. Auch bei dieser Übung versuchte uns Bodo D. darzulegen, wie schnell und leicht sich unser Unterbewusstsein umprogrammieren lasse. Da ist nicht viel notwendig, das genügt. Das Unterbewusstsein mit seiner gegenüber dem Großhirn millionenfachen Rechenkapazität würde seine Arbeit tun. Bewusst ist uns so etwas gar nicht möglich, sondern nur durch Beauftragung der inneren, unbewussten Kräfte, und wenn sich ein positives Gefühl einstellt, dann ist die Arbeit gemäß der Zielsetzung in Gang gesetzt worden.

Anfangs war diese Aufgabe für mich recht komisch, denn ich wusste gar nicht, worauf er hinauswollte, bzw. was ich persönlich damit erreichen sollte. Dann ging mir aber auf, dass unser Kursleiter wohl der Ansicht war, dass die meisten Teilnehmer noch irgendwo und irgendwie ein negatives Simulationsprogramm sitzen haben. Erst viel später – was er meines Erachtens doch anfangs hätte sagen sollen – flocht er ein, dass es auch sein könnte, dass bei einer bestimmten Person gar nichts mehr im Argen liegt. Ebenso wie bei der Mutter sollten wir das auch für das Vaterbild tun. Auch hierbei ging es nicht um den wirklichen Vater, sondern darum, was wir in falscher Weise übernommen haben. Und schließlich noch für Geschwister oder ähnlich nahestehende Personen. Ich hatte das Gefühl, dass mit dieser Übung, die für die meisten ein positives, greifbares Ergebnis zeitigte, so eine Art atmosphärischer Umschlag für den Workshop stattfand. Die Neugier auf mehr und auf weiteres war geweckt.

In der nächsten Übung wurde es dann noch konkreter. Wir sollten uns zeitlich möglichst lange zurückversetzen, vielleicht in das Kindesalter von drei Jahren und von da an vorwärts in der Zeit Ereignisse suchen, die nicht so positiv verlaufen sind und uns die Fragern stellen: wie hätte sich meine Mutter (oder eine andere Person) gefühlt, wenn sie das, was ich heute weiß, gewusst und praktiziert hätte, was hätte sie/er mit diesem Wissen anderes getan? Hätte sich sie oder er als ein guter Mensch gefühlt, wenn sie mein jetziges Wissen gehabt hätten: Inwiefern hätten sie/er mit diesem guten Gefühl dies an mich weitergeben, d.h. schon von Kindesbeinen an vermittelt, dass ich eine Bereicherung bin, dass ich der Tollste bin, das ich ein guter Mensch bin? Welche positiven Auswirkungen hätte das auf mein Leben gehabt? Ja, man kann noch einen Schritt weiter gehen und die Überlegung und Umprogrammierung anstellen, inwiefern das noch viel mehr verstärkt zur Wirkung gekommen wäre, wenn noch eine Generation früher ein positives Programm gegriffen hätte, also, meine Großeltern meinen Eltern aufgezeigt hätten, wie durch und durch liebenswert sie sind.

Neben der aufgezeigten Simulation gibt es noch zwei weitere Prinzipen, die unser Leben steuern: die Assoziation und Generalisierung. Nur noch auf das erstere ging Bodo dann noch etwas ein. Wir machen in unserem Leben bestimmte Erfahrungen – positive und negative. Aber unser Gehirn möchte nicht jedes Mal eine Situation von neuem durchrechnen und beurteilen, sondern will sich Arbeit sparen. Deswegen arbeitet es mit Assoziationen. Sind bestimmte Merkmale ähnlich oder gar sehr ähnlich wie in einer früheren Situation, dann schließt das Unterbewusstsein, dass auch die Ergebnisse ähnlich oder gleich sein müssten. Sieht beispielsweise der neue Fremde einem alten Bekannten ähnlich, mit dem wir schlechte Erfahrungen gemacht haben – dann ist auch der neue Fremde in bekannter Weise schlecht oder gefährlich. Das ist natürlich ein Vorurteil, welches ebenso neu programmiert werden kann. Dazu machten wir aber dann keine direkte Übung und das dritte Stichwort mit der Generalisierung wurde gar nicht aufgegriffen. Vielleicht meinte er damit das, was auf seiner Website als Punkt des umfassenden Schnupper-Camps angekündigt war, nämlich die Glaubenssätze, denn hier gibt es eine Generalisierung insofern als das, was früher einmal seine Berechtigung hatte, in fälschlicher Weise für die ganze Zukunft geltend generalisiert wird. Doch er hatte es jetzt eilig, das gute Ende zu finden.
 

In der Zeitkapsel reisen und Neuronen spiegeln

Als krönender Abschluss des Workshops sollte nun eine Meditation kommen. In der fast dreißigminütigen Sitzung ließ uns Bodo eine Zeitkapsel imaginieren, und wir sollten sie betreten, uns darin wohl fühlen, und während die Zeitkapsel über rot, orange, gelb, grün, blau, dunkelblau, violett die Farbe änderte, schickte sie uns in die Vergangenheit, und wir konnten die Ereignisse aufspüren, die negativen Einfluss hatten und mit den gelernten Hilfsmitteln neu programmieren. Dann ging es wieder allmählich in die Jetztzeit zurück. In routinierten Worten führte uns Bodo zur erwünschten Raumzeit und ermutigte uns, die Bereinigung vorzunehmen. Ich empfand diesen Prozess als angenehm, auch wenn ich keine alten Wunden aufstöberte oder heilen musste.

Jetzt sollte noch ein weiteres besonderes I-Tüpfelchen folgen: die Spiegelneuronenallee. Beim letzten größeren Camp sei keiner ohne Tränen der Freude in den Augen davongekommen. Psychologen meinen neuerdings entdeckt zu haben, dass wir in der Lage sind, mit unseren Neuronen die Gefühle eines anderen in uns zu spiegeln. Die Neuronen würden in einer Art Übertragung und Fernwirkung in uns ein Duplikat des anderen Zustandes bewirken, so dass wir dann selbst diese Gefühle nachvollziehen könnten. Da nun jeder von uns – und das ließ er sich nochmals lautstark bestätigen – einen Gewinn erfahren hat, sei es bei Lebensfreude, Selbstwert oder Liebe, könnten wir uns mit diesen Werten gegenseitig bestrahlen. Als erstes mussten die Stühle beiseite geräumt werden und dabei sollten wir uns, wenn wir gerade jemanden trafen, gegenseitig auch versichern, dass wir eine Bereicherung sind. Schon das verstärkte ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl und schaffte gute Laune.

Nach der Platzschaffaktion wurde eine lange Doppelreihe gebildet mit gut einem Meter Abstand der beiden Seiten, sodass man durchgehen konnte. Zuerst sollten sich diejenigen anstellen, die durch den Workshop besonders darin bestärkt worden sind, dass sie wertvoll sind, dann kamen diejenigen dran mit Lebensfreude, und dann die, die nun zu mehr Selbstliebe fähig sind und schließlich die Personen, die nun andere mehr und uneingeschränkt lieben können. Die Doppel- und Dreifachreihe ging durch den ganzen Saal, vielleicht hundert Personen dürften sich dafür zur Verfügung gestellt haben. Die anderen hatten nun die Ehre und das Vergnügen, durch die Menschengang zu schreiten oder zu tanzen (stimmungsmachende Musik wurde aufgelegt) und sich von den einhüllenden Qualitäten bestrahlen zu lassen. Erwartungsvoll gingen die einzelnen Personen durch dieses Glücksspalier. Sowohl den aktiven als auch den passiven Teilnehmern schien es zu gefallen. Bald kam auch ich an die Reihe. Die einstürmende Aufmerksamkeit war spürbar und zuerst vermeinte auch ich, bestimmte Qualitäten wahrzunehmen, vielleicht war es aber auch nur die allgemein gute Laune. Diejenigen, die hindurchgegangen waren, stellten sich dann selbst als Strahler auf, damit auch die Ersten in den Genuss eines Durchgangs kamen. So gab es mehrere Durchgänge, welche ganz allgemein eine gute Stimmung machten. Und danach ging es dann ungezwungen in eine Tanzpartie über. Sabine und ich nahmen auch daran mit großen Spaß teil.
 

Resümee

Wie aus der Schilderung hier zu ersehen ist, hat der zweite Teil viel mehr Schwung und gute Laune gebracht. Trotz aller Witzchen war wohl der erste Teil zu trocken oder unterfordernd. Nüchtern betrachtet bot mir das Camp praktisch nichts Neues. Mehr noch: ich denke, dass die meisten vorgetragenen Punkte viel zu plakativ und schlagwortartig waren. Richtig ist, dass das Unterbewusstsein durch sehr plastische Bilder beeindruckt werden will, aber mein Großhirn mochte diese Indoktrination und verbale Eintrichterung nicht wirklich. Und das wird – gerade wie B.D. selbst sagt – eine negative Einwirkung auf mein Emotionalhirn haben, was nicht Sinn der Sache sein kann. Und ob für alle Teilnehmer wirklich "umfassend" die Blockaden gelöst wurden? Die meisten wird der Alltag sehr schnell einholen. So wie die anderen in meiner Gruppe kam auch ich zu dem Resümee, dass ein Besuch eines kompletten Camps nicht lohnt. Aber vielleicht geht es anderen doch anders? Ein etwas gefälligerer Bühnenaufbau, eine Straffung des ersten Teils dieses Schnupper-Workshops und eine klarere Vorstellung der einzelnen Schritte und Ziele wäre m.E. zu empfehlen. Zum Reinschnuppern und mal so gute Laune tanken, ist er aber durchaus geeignet.




Stand: 11.6. 2007
Bitte nehmen Sie bei Interesse an den vorgestellten Themen Kontakt mit dem Verfasser dieser Zeilen auf.
Bodo Zinser, Tel.: 0821 / 543 943 74, Email: BodoZinser (at) Selbstgewahrsein.de




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